41, Der Affe und die Nuß
Der Affe einen Korb einst fand, gefüllt mit Nüssen bis zum
Rand. Er hätte draus die Kerne gefressen gar zu gerne, die sollten schmecken
köstlich gut! Doch zornig ward ihm bald zumut: Er leckte - puhl - wie bitter!
Er biß drauf – huh! - ein Splitter der Schale riß den Mund ihm auf. "Nun hört
mir bloß mit Nüssen auf!" rief er, "das ist ja Lug und Trug! Mein blutiger
Mund lehrt mich genug!" Weg warf das Ding er mit Verdruß, den süßen Kern auch
mit der Nuß. Viel Leute, und gar allerhand im weiten Menschenreich ich fand,
die, weil's bedachte Mühe macht, sich selbst um süße Frucht gebracht. Beim
Feuerzünden sieht man's auch, da gibt's zuerst den bösen Rauch, der in die
Augen beißet sehr ... Doch bläst du tapfer fort und mehr, wird's eine Flamme,
rein und hell, so recht des Wohlbehagens Quell Ein Feuerlein, das heg' man
gut, dann gibt's als Feuer Licht und Glut! Aus dem Fabelbuch "Der Edelstein'
von
ULRICH BONER, entstanden um 1340
42, Mit dem Löwen jagen
Es
gesellten sich ein Rind, Ziege und Schaf zum Löwen und zogen miteinander auf
die Jagd in einen Forst. Da sie nun einen Hirsch gefangen und in vier Teile
gleich geteilt hatten, sprach der Löwe: "Ihr wisset, daß ein Teil mein ist,
als eures Gesellen. Das andere gebührt mir, als dem König unter den Tieren.
Das dritte will ich haben darum, daß ich stärker bin und mehr danach gelaufen
und gearbeitet habe, denn ihr alle drei. Wer aber das vierte haben will, der
muß mir's mit Gewalt nehmen." Also mußten die drei für ihre Mühe das Nachsehen
und den Schaden zu Lohn haben. Lehre: Fahre nicht hoch! Halte dich zu deinesgleichen!
Es ist mit Herren nicht gut Kirschen essen, sie werfen einen mit den Stielen.
Diese Fabel ist auf eine andere Weise also gestellt: Ein Löwe, Fuchs und Esel
jagten miteinander und fingen einen Hirsch. Da hieß der Löwe den Esel das
Wildpret teilen. Der Esel machte drei Teile, des ward der Löwe zornig und
riß dem Esel die Haut über den Kopf, daß er blutrünstig dastund, und hieß
den Fuchs das Wildpret teilen. Der Fuchs stieß die drei Teile zusammen und
gab sie dem Löwen ganz. Des lachte der Löwe und sprach: "Wer hat dich so lehren
teilen?" Der Fuchs zeigte auf den Esel und sprach: "Der Doktor da im roten
Hut!" Diese Fabel lehret zwei Stücke. Das erste: Herren wollen Vorteil haben,
und man soll mit Herren nicht Kirschen essen; sie werfen einen mit den Stielen.
Das andere: Das ist ein weiser Mann, der sich an eines andern Unfall bessern
kann.
MAR-RIN LUTHER (1483-1546)
43, Die Taube und die Ameise
Aus einem klaren Bach einst eine Taube trank, als eine Ameise
beinah darin versank, ein Ozean ja war es für das Aemselein, und nicht durch
eigne Kraft wär' sie daraus entkommen. Da zeigt' die Taube sich mitleidig
ihr und gut, ein Hälmchen Gras warf sie hinunter in die Flut, an dem die Aemse
bald das Ufer hat erklommen. Sie steigt auf sicheres Gebiet, wie grad des
Weges dort barfuß ein Bummler zieht, der eine Armbrust trägt zufällig in der
Hand. Wie er der Venus Vogel sieht, meint' er, zum prächtigen Schmaus sei
der ihm wohl gesandt. Er will ihn töten, doch wie er die Armbrust spannt,
beißt ihn die Aemse in den Fuß. Kaum hat er da sich umgewandt, merkt es die
Taube und entfliehet schnell dem Schuß. Mit ihr entfloh auch des Landstreichers
Festgericht: Die Tauben sind so billig nicht.
JEAN DE LAFONTAINF (1621-1695)
44, Der Schäfer am Meer
Von dem Ertrag, den Schafzucht ihm gewährte, der ihn bescheiden
aber sicher nährte, lebt' einst ein Mann, dem Meereshafen nah; dem raubt'
die Ruhe, was er täglich sah. Was wurden da für Schätze ausgeladen ... Wie
leicht erworben schien des Kaufmanns Gut! . . . Betört verhandelt er sein
Vieh mit Schaden, das Geld vertraut als Ware er der Flut ... Doch Schiff und
Last verschlang des Sturmes Wut. Mit einem Schlag war unser Mann nun los die
schöne Herde, war des Geldes bloß ! Er mußte wieder sich als Hirt verdingen,
wie einst als Junge hinter fremdem Vieh mit Stab und Hund sich täglich müde
springen. Er tat's geduldig, lebte karg, und sieh, allmählich konnte er in
ein'gen Jahren sich eine eig'ne Herde neu ersparen ... Und wieder sah er eines
Morgens früh, wie reichbelad'ne Schiffe stolz herzogen. Da rief er fröhlich:
"Glaub's, ihr schlimmen Wogen, habt Appetit wohl wieder auf mein Geld? Sucht
andre Dumme! Ich bin schon geprellt. Die Fabel soll nicht nur vergnüglich
sein, sie präg' auch eine wcht'ge Wahrheit ein: Ein Pfennig, Konto "Sicher"
angelegt, ist mehr wert als ein Taler, wohlgeprägt, auf den man, wünschevoll,
erst Hoffnung hegt. Der Wünsche weites Meer kann mächtig locken ... Doch bei
dem Klang der Zukunftswunderglocken bleib kühl, und wenn - beschränk den Einsatz
klug! Von hundert, die den Einsatz hoffend wagen, hat einer Glück, die andern
sind geschlagen ... Bleibt bei Verlust dir immer noch genug?
IFAN DE LAFONTAINE (1621-1695)
45, Das Schwein und die Eiche
Gefräßig füllt sich seinen Wanst ein Schwein mit Eicheln
unter knorrig-altem Baum, grunzt vollgefressen, schläft behaglich ein, erwacht
dann wieder, reibt am Stamm den Leib, wühlt nach den Wurzeln so zum Zeitvertreib.
Da krächzt ein Rabe hoch vom Ast: "Ist das der Dank für diese Mast? Mißhandelst
du die Wurzeln, muß der Baum verdorren!" "Was kümmert's mich!" grunzt faul
das Schwein, "hab keine Liebe zu solch altem Knorren! Will meinen Spaß im
Sonnenschein, brauch Wurzeln, drin zu wühlen, Eicheln, gut zu fressen, doch
weder Baum noch Ast, hab niemals drauf gesessen!" Und wieder krächzt der Rabe:
"Dummes Schwein, du kannst nicht Wurzeln für den Rüssel, Eicheln für den Wanst,
den ganzen Spaß nicht haben, ohne lebendigen Baum und seine grüne Krone!"
Auch mancher Mensch kennt nur dies eine Maß: das eigne Wühlen, nur den eignen
Fraß; doch dies ist immer dumm und unverschämt, weil es die menschliche Gemeinschaft
lähmt.
IWAN KRYLOW (1768-1844)
46, Vom Hunde
Es
lief ein Hund durch einen Wasserstrom und hatte ein Stück Fleisch im Maul.
Als er nun aber den Schatten des Fleisches im Wasser sah, wähnte er, es sei
auch Fleisch, und schnappte gierig danach. Da er aber das Maul auftat, entfiel
ihm das Stück Fleisch, und das Wasser führte es weg. Also verlor er beides,
Fleisch und Schatten. Diese Fabel zeigt, man soll sich begnügen lassen an
dem, was Gott gibt. Wer zu viel haben will, dem wird zu wenig. Mancher verliert
auch das Gewisse über dem Ungewissen.
MARTIN LUTHER (1483-1546)
47, Die Henne mit den goldenen Eiern
Wer alles haben möcht', muß alles oft verlieren. Euch ein
Exempel zu statuieren will ich an jenem Mann nun aus dem Fabelreich, dem täglich
hat sein Huhn ein goldenes Ei gelegt. Er glaubt, daß einen Schatz in sich
die Henne trägt, und schlachtet sie, doch sieht, daß innen sie ganz gleich
ist jedem Huhn, von dem wertlose Eier kommen. So hatte er sich selbst sein
schönstes Gut genommen. Für Knicker eine gute Lehre! Wie hat in letzter Zeit
man doch so oft erlebt, daß über Nacht verarmt so mancher, der gestrebt, daß
sich zu schnell sein Reichtum mehre.
JEAN DE LAFONTAINE (1621-1695)
48, Der Reisende und sein Helfer
Ein Reisender kam einst an einen Fluß, den, wollt' er nicht
der Reise Zweck verlieren, mußt' er durchaus mit seinem Roß passieren; doch
dazu fehlt es ihm an mutigem Entschluß. "Wer", rief er, "kann dem Wasser trauen,
das keine Balken hat? Kann man nicht Brücken bauen? 0, daß ich niemand hier
zu Rate ziehen kann, ob nichts zu fürchten ist!" - Zum Glücke kam ein Mann.
"Freund", rief er ihm, "würd' Er Bedenken tragen, sich hier in diesen Strom
zu wagen?" "Kein's, hätt' ich vollends so ein Tier, als wie der Herr, noch
unter mir. So ritt ich, glaub' ich, durch die Hölle." - "Es scheint mir gleichwohl
manche Stelle nicht gar so flach und seicht." "Es könnte sein", antwortete
der Schalk, "vielleicht, vielleicht auch nicht........ Nun wohl denn, eine
Bitte und Trinkgeld, wenn Er erst vor mir hinüber ritte und zeigte mir den
sichern Pfad." "Sehr gern, mein Herr, dazu wird Rat." Der Reisende steigt
schnell von seinem Gaul herab, der andere hinauf, setzt dann in vollem Trab
den Strom hindurch und weiter - - - "Was Teufel! Herr! Wohin?" ruft ihm der
erste Reiter voll Schrecken nach: "Gemach, mein Freund, gemach!" Allein, es
hilft kein Schreien, Drohn und Ach, und ohne sich an sein Geschrei zu kehren,
jagt er noch mehr, hört oder will nicht hören. Doch nein, jetzt lenkt er um
und kommt, o welches Glück, ganz langsam an den Strand zurück. "Er Schalk!",
ruft jener, "mir so viele Angst zu machen! Nur her mein Pferd! Dann will ich
seinen Spaß belachen." "Ein Spaß?" versetzt der Dieb: "Nein! mir behagt dies
Pferd! Doch scheint es mir zum Dank noch einer Lehre wert: bei einem wichtigen
Geschäfte versuch' Er künftig fein erst seine eignen Kräfte, bevor Er fremde
borgt, und trau' Er dem ja nicht, der zu gefällig dient und, was man will,
verspricht. Hab' ich ein eignes Pferd und will ein Ziel erjagen, warum soll
seinen Hals für mich ein andrer wagen?"
CHRISTIAN FELIX WEISSF (1726-1804)
49, Die Karre im Dreck
Dem Bauern sank sein kornbelad'ner Wagen auf stillem Waldweg
in morastigen Lehm; den Schrecken fühlt er in Gedärm und Magen, als beide
Pferde keuchend stille steh'n. Wär' angefallen er von gierigen Wölfen, er
wüßte eher sich als hier zu helfen! Doch solche Not das Schicksal gern ersinnt,
zu prüfen, wie der Mensch sich da benimmt. Was tut der Bauer? Kaum vom ersten
Schreck erholt, da fängt er furchtbar an zu fluchen auf diesen Weg, den Wagen
und den Dreck, auf seine Pferde, die verdammte Löcher suchen, wünscht sich
- und wär's zur Hölle - weithin weg . . . bis ihm die Luft ausgeht. Dann durch
die Zähne knirscht er: "Ein Herkules, der gleich wie Kräne die Fäuste hat,
ein solcher müßte kommen, die Fuhre wär bald aus dem Dreck genommene Kaum
hat er das gesagt, wie ganz von fern meint er da eine Stimme ernst zu hör'n:
,Tu selbst, was du vermagst in Not; Hilfst du dir selbst, so hilft dir Gott
. . . Sieh gründlich nach und mit Geduld; was hat an deinem Unglück schuld?
Die Achsen sind verklebt mit Lehm, den kratze ab, sei nicht bequeme Räum weg
den Stein dort vor dem Rad, dann mach mit Kies die Furchen glatt!" Nun müht
der Bauer sich mit Fleiß und Schweiß und hört: "Jetzt helf ich dir - auf mein
Geheiß nimm Leine und die Peitsche, und dann los 1 Und sieh, der Wagen sich
so leicht bewegt, als wäre unter ihm Parkett gelegt. "Hab Dank, o Herkules,
wie bist du groß !" "Halfst selbst dir, Bäuerlein, ich riet dir bloß !
JEAN DE LAFONTAINF (1621-1695)
50, Der Fuchs
Der Löwe hatte viele Tiere zu sich in die Höhle geladen, darinnen
es gar übel roch und stank. Als er nun den Wolf fragte, wie es ihm gefiele
in seinem königlichen Hause, da sprach der Wolf: "0, es stinkt übel herinnen."
Da fuhr der Löwe zu und zerriß den Wolf. Danach, als er den Esel fragte, wie
es ihm gefiele, und der arme Esel sehr erschrocken war über des Wolfs Tod
und Mord, da wollte er aus Furcht heucheln und sprach: "0, Herr König, es
riecht wohl allhier." Aber der Löwe fuhr über ihn her und zerriß ihn auch.
Als er nun den Fuchs fragte, wie es ihm gefiele und wie es röche in seiner
Höhle, da sprach der Fuchs: "0, ich habe jetzt den Schnupfen, ich kann nichts
riechen." Denn er wurde mit andrer Leute Schaden klug, daß er sein Maul hielt.
MARTIN LUTHER (1483-1546)
51, Vom Wolf und Lämmlein
Ein
Wolf und ein Lämmlein kamen von ungefähr beide an einen Bach, um zu trinken.
Der Wolf trank oben am Bach, das Lämmlein aber fern unten. Da der Wolf des
Lämmleins gewahr ward, lief er zu ihm und sprach: "Warum trübst du mir das
Wasser, daß ich nicht trinken kann?" Das Lämmlein antwortete: "Wie kann ich
dir das Wasser trüben; trinkst du doch über mir und möchtest es mir wohl trüben
! " - Der Wolf sprach: "Wie, fluchst du mir noch dazu?" - Das Lämmlein antwortete:
"Ich fluche dir nicht." - Der Wolf sprach: "So tat es dein Vater vor sechs
Monaten, und du bist ebenso wie dein Vater." - Das Lämmlein antwortete: "Bin
ich doch dazumal noch nicht geboren gewesen, wie soll ich meines Vaters entgelten?"
- Der Wolf sprach: "So hast du mir aber meine Wiesen und Acker abgenagt und
verdorben." - Das Lämmlein antwortete: "Wie ist, das möglich, habe ich doch
noch keine Zähne!" - "Ei", sprach der Wolf, "und wenn du gleich noch so viele
Ausreden hast, so will ich dich heute doch fressen" - und würgte also das
unschuldige Lämmlein und fraß es.
MARTIN LUTHER (1483-1546)
52, Trischkas Rock
An beiden Ellenbogen ganz zerfetzt ist Trischkas schöner Rock.
Er denkt: "Was t-u ich jetzt? So kann ich mich nicht zeigen bei den Leuten!"
Von jedem Ärmel schneid't er ab geschickt den Rand; und der, hübsch wieder
eingeflickt, macht dann die Jacke heil. Doch an den Armen scheint Trischka
nun gewachsen zum Erbarmen, wird auf der Gasse weidlich ausgelacht. "Na schön!"
spricht er zu sich, "wenn's sein muß, kann auch dies noch werden, und die
Ärmel werden länger, daß es kracht!" Ritsch, ratsch, und Trischka trennt vergnügt
sich ab vom Schoß ein Handbreit Tuch, näht's an die Ärmel rings, eilt stolz
damit zum Markt, bis an den Hintern bloß! Jetzt sagt: wer kann das Treiben
solcher Leute jemals loben, die neu sich leih'n, um altes Loch zu stopfen,
die pfiffig-dumm wie Trischka sich sanieren und so - genau beseh'n - als Narr'n
florieren?!
IWAN KRYLOW (1768-1844)
53, Der Arme und das Glück
Ein armer Mann, verseh'n zum Graben, wollt' jetzt ein besser
Schicksal haben und rief das Glück um Beistand an. Das Glück erhörte sein
Verlangen. Er fand, indem er grub, zwei starke gold'ne Stangen; allein der
ungeschickte Mann sah sie für altes Messing an und gab für wenig Geld den
Reichtum aus den Händen, fuhr fort und bat das Glück, doch mehr ihm zuzuwenden.
"0 Tor!" rief ihm die Gottheit zu, "was quälst du mich, dich zu beglücken?
Wer wäre glücklicher als du, wenn du gewußt, dich in dein Glück zu schicken?"
Du wünschest dir mit Angst ein Glück und klagst, daß dir noch keins erschienen.
Klag' nicht, es kömmt gewiß ein günst'ger Augenblick; allein, bitt' um Verstand,
dich seiner zu bedienen, denn dieses ist das größte Glück.
CHRISTIAN FÜP.CHTEGOTT GF.LLERT (1715-1769)
54, Die beiden Pflugscharen
Zwei Pflugscharen kamen miteinander neu vom Schmied und waren
von völlig gleichem Ansehen. Die eine wurde hingeworfen und lag jahrelang
müßig, so daß sie vom Rost verunstaltet wurde. Die andere aber kam alsbald
an den Pflug und mußte das Land pflügen, wobei sie schön blank wurde. Als
die beiden einmal wieder zusammenkamen, sahen sie einander voll Verwunderung
an. Die so lange müßig gelegen hatte, sprach zu ihrer fleißigen Schwester:
"Sage mir doch, wodurch bist du so schön geworden und ich so häßlich? Ich
habe doch lauter gute Tage gehabt und lag still und warm hier in diesem Winkel........
Das ist es ja eben", erwiderte die andere, "die träge Ruhe hat dich verunstaltet;
ich aber bin schön durch meinen Fleiß geworden."
AUGUST GOTTLIEB MEISSNER (1753-1807)
55, Unübertrefflicher Sparsinn
In Hanoi lebte und wirkte einst ein weiser Mann, zu dem brachten
viele Eltern ihre heranwachsenden Söhne, damit er sie in aller Lebenskunst,
darunter auch im rechten Wirtschaften, unterweise. Eines Tages schickte der
Meister einen ihm anvertrauten jungen Mann auf den Markt; er sollte Opferkuchen
für ein Ahnenopfer einkaufen, aber sich sonst nichts aufschwatzen lassen.
Der kam nach einiger Zeit wieder, brachte auch einen schönen Opferkuchen mit,
doch außerdem trug er unter dem Arm ein mageres, ängstlich gackerndes Hühnchen.
"Was soll das, ungehorsamer und törichter Freund?" erkundigte sich der Lehrer
unwillig. Der Schüler antwortete freundlich: "Bitte, Meister, höre an, was
ich mir gedacht habe. Wenn ich den Kuchen zum Opfer zerbreche, werden dabei
eine Menge Krümel auf die Erde fallen; wäre es nicht schade um sie? Das Hühnchen
aber wird sie aufpacken, davon wachsen, später Eier legen. Die Eier und auch
das Huhn kann man dann mit gutem Gewinn verkaufen. Dünkt dich das töricht
gehandelt?" Genug! Bravo, junger Meister der Meister!" rief der Lehrer. "Wenn
du nicht willst, daß ich in Zukunft bei dir Unterricht nehme, so kehre zu
deinen Eltern zurück!"
AUS VIETNAM
56, Das Testament
"Sohn",
fing der Vater an, indem er sterben wollte, "wie ruhig schlief ich jetzt nicht
ein, wenn ich nach meinem Tod dich glücklich wissen sollte! Du bist es wert
und wirst es sein. Hier hast du meinen letzten Willen; sobald du mich ins
Grab gebracht, so brich ihn auf und such' ihn zu erfüllen, so ist dein Glück
gewiß gemacht, versprich mir dies, so will ich freudig sterben." Der Vater
starb, und kurz darauf brach auch der Sohn das Testament schon auf und las:
"Mein Sohn, du wirst von mir sehr wenig erben, als etwan ein gut Buch und
meinen Lebenslauf, den setz ich dir zu deiner Nachricht auf. Mein Wunsch war
meine Pflicht. Bei tausend Hindernissen befliß ich stets mich auf ein gut
Gewissen. Verstrich ein Tag, so fing ich zu mir an: ,Der Tag ist hin; hast
du was Nützliches getan? Und bist du weiser als am Morgen?' Dies, lieber Sohn,
dies waren meine Sorgen. So fand ich denn von Zeit zu Zeit zu meinem täglichen
Geschäfte mehr Eifer und zugleich mehr Kräfte und in der Pflicht stets mehr
Zufriedenheit. So lernt' ich, mich mit Wenigem begnügen, und steckte meinem
Wunsch ein Ziel. ,Hast du genug', dacht' ich, so hast du viel; und hast du
nicht genug, so wird's die Vorsicht fügen. Was folgt dir, wenn du heute stirbst?
Die Würden, die dir Menschen gaben? Der Reichtum? Nein, das Glück, der Welt
genützt zu haben. Drum sei vergnügt, wenn du dir dies erwirbst.' So dacht'
ich, liebster Sohn, so sucht' ich auch zu leben. Vergiß es nicht: Das wahre
Glück allein ist, ein rechtschaffner Mann zu sein."
CHRIS-flAN FÜRCHTEGOTT GELLERT (1715-1769)
57, Die Schnecke
Jupiter verhieß den Tieren, die er in der Welt erschuf, das
zu geben, was sie wünschten. Jedes kam auf seinen Ruf. Alle wünschten, alle
baten - was sie baten, ward verlieh'n. Zu den andere kroch die Schnecke, bis
sie vor dem Zeus erschien. Diese sprach: "Oh Haupt der Götter! Darf auch ich
mir was erfleh'n, oh so ist's, in meiner Wohnung lebenslang herumzugehen.
Wenigstens von nahen Feinden bleibt alsdann mein Haus befreit; wir entschleidien
vielen Fragen, vielen Händeln und dem Neid! Tausend mögen stolzer wählen;
jeder Segen, der mir blüht, blüht mir schöner und gedoppelt, wenn die Scheelsucht
ihn nicht sieht!" Wahl und Vortrag ward gebilligt. Jupiter ging dieses ein,
und vor vielen schien die Schnecke glücklich und gescheit zu sein!
FRIEDRICH VON HAGEDORN (1708-1754)
