Alte Fabeln 2/3

21, Der Affe

Ein Affe kam aus dem Walde an den Meeresstrand und beobachtete einen Fischer, wie er erst das gefüllte Netz aus dem Wasser holte und es dann zum Trocknen in der Sonne ausbreitete. Als der Mann nach Hause gegangen war, eilte der Affe hinzu, nahm das Netz, sprang damit in das Fischerboot und warf es von dort aus. Dabei zeigte er sich so ungeschickt und eifrig, daß sein Kopf sich in den Masschen verfing und das ganze Tier mit in die Tiefe gerissen wurde. Da ein Affe nicht schwimmen kann, mußte er ertrinken. Den nahen Tod vor Augen, seufzte er: "Das Zusehen allein genügt doch nicht, um eine Arbeit zu verstehen."
Nach BABRIOS, griechischer Fabeldichter, um 200 n. Chr.

22, Der Fuchs und der Kranich

Der Fuchs bat einst den Kranich zum Mahle, jedoch nur in der boshaften Absicht, sich über seinen Gast lustig zu machen. Er setzte ihn nämlich die leckerste Brühe vor, aber auf einer ganz flachen Schüssel. Von äieser konnte der Schalk selber alles ganz vortrefflich auflecken. Der arme Kranich aber war nur imstande, die Spitze seines langen, dünnen Schnabels ein wenig hineinzutauchen, und ging daher ganz leer aus. "Nun, laß es dir recht wohl schmecken!" spottete der Fuchs, indem er selbst gierig schlürfte. Der Kranich ließ sich indes nicht den geringsten Verdruß merken, sondern blieb höflich und gelassen; er lobte die feine Bewirtung, und beim Abschied bat er den Fuchs auf den andern Tag bei sich zu Gaste. Wohl mochte der Fuchs ahnen, daß der Kranich sich rächen wollte, und machte Miene, die Einladung abzulehnen; doch der Kranich ließ nicht nach zu bitten, und der Fuchs willigte endlich ein. Als er sich nun zur bestimmten Zeit einstellte, fand er eine herrliche Mahlzeit zugerichtet; aber sie war aufgetischt in einer - Flasche mit langem, engem Halse. Aus dieser langte der Wirt mit seinem langen, spitzen Schnabel einen fetten Bissen nach dem anderen heraus, während der Fuchs sich mit dem reizenden Anblick und dem schönen Geruch der Speisen begnügen mußte. "Folge doch meinem Beispiel", sagte lächelnd der Kranich, "tu, als wenn du zu Hause wärest!" Aber dem Fuchs verging die Heiterkeit, und als er hungrig vom Tische sich erhob, mußte er mit Beschämung gestehen, daß ihn der Kranich für seinen Mutwillen so gestraft hatte, wie er es verdiente.
NACH ÄSOP

23, Falke und Huhn

Ein Falke sprach zum Huhn: "Warum bist du eigentlich gegen den Menschen so undankbar?" "Wie meinst du das?" wollte das Huhn wissen. "Nun, ich sehe, wie die Menschen dich mit außergewöhnlicher Sorgfalt betreuen. Sie geben dir regelmäßig dein Futter, sie bereiten dir einen warmen Stall, sie sichern des Nachts deine Ruhe gegen Feinde und Störungen. - Du aber, wenn jemand dich einmal greifen will, wehrst dich mit großem Gegacker und suchst zu entfliehen. Warum das nur? Wenn mir ein Mensch schmeichelt, lasse ich mich fangen, werde zahm und fresse ihm aus der Hand. Du aber bist undankbar!" "Dazu möchte ich etwas bemerken", gackerte das Huhn, "höre: du hast gewiß noch niemals einen Falken am Bratspieß gesehen, ich dagegen meinesgleichen schon in Menge!"
Aus dem altindischen Fabelbuch PANTSCHATANTRA', entstanden um 300 n. Chr.

24, Der Fuchs und die Gans

Es fing einmal ein Fuchs eine Gans und wollte sie eben verzehren. Da bat sie, daß er ihr doch gestatten möchte, vor ihrem Ende noch einmal zu tanzen. Der Fuchs dachte: "Das kann ich ihr wohl gewähren; sie soll mir nachher um so besser schecken, wenn ich ihr dabei zugesehen habe." Als nun die Gans die Erlaubnis hatte, hob sie sich mit den Füßen mehrmals ein wenig vom Boden auf, machte dabei auch die Flügel auseinander und begann, vor dem Fuchse recht artig zu tanzen, wie die Gänse tun, bevor sie anfangen zu fliegen. Nachdem sie aber so eine Weile zum großen Vergnügen des Fuchses getanzt hatte, flog sie davon. Da hatte der Fuchs nichts als das Nachsehen, und weil dies bei einem Gänsebraten nicht viel sagen will, so sprach er: "Wie diesmal soll es mir gewiß nicht wieder ergehen: Vor dem Essen ist kein Tanzen wieder!"
HEINRICH PRÖHLE (1822-1895)

25, Die Stadtmaus und die Feldmaus

Eine Stadtmaus ging spazieren und kam zu einer Feldmaus; die tat ihr gütlich mit Eicheln, Gerste, Nüssen und womit sie konnte. Aber die Stadtmaus sprach: "Du bist eine arme Maus, was willst du hier in Armut leben? Komm mit mir! Ich will dir und mir genug schaffen von allerlei köstlicher Speise." Die Feldmaus zog mit ihr hin in ein herrliches, schönes Haus, darin die Stadtmaus wohnte, und sie gingen in die Kemnaten; da war vollauf von Brot, Fleisch, Speck, Würsten, Käse und anderem. Da sprach die Stadtmaus: "Nun iß und sei guter Dinge! Solcher Speise habe ich täglich überflüssig." Indessen kommt der Kellner und rumpelt mit den Schlüsseln an der Tür. Die Mäuse erschraken und liefen davon; die Stadtmaus fand bald ihr Loch, aber die Feldmaus wußte nirgends hin, lief die Wand auf und ab und hatte sich ihres Lebens erwogen. Da der Kellner wieder hinaus war, sprach die Stadtmaus: "Es hat nun keine Not, laß uns guter Dinge seine" Die Feldmaus antwortete: "Du hast gut sagen; du wußtest dein Loch fein zu treffen, dieweil bin ich schier vor Angst gestorben. Ich will dir sagen, was die Meinung ist. Bleibe du eine reiche Stadtmaus und iß Würste und Speck; ich will ein armes Feldmäuslein bleiben und meine Eicheln essen. Du bist keinen Augenblick sicher vor dem Kellner, vor den Katzen, vor so vielen Mäusefallen, und ist dir das ganze Haus feind. Solches alles bin ich frei und sicher in meinem armen Feldlöchlein."
MARTIN LU-RHER (1483-1546)

26, Der Goldfasan

Es war einst eine Hungersnot im Tierreich; alles schrie nach Brot. Ein Goldfasan schlich matt und schwer und ächzend durch den Hain daher. Ihm sah ein Specht von ferne zu und sagte: "Freund, was ächzest Du? Verkaufe nur Dein reiches Kleid, so hast du Brot auf lange Zeit." Dem Goldfasan gefiel der Rat-; er setzte seinen ganzen Staat bei einem alten Hamster ab, der ihm dafür viel Körner gab. Nun pflegt er sich bei Fürstenkost; doch plötzlich kam der Winterfrost, und plötzlich war der arme Narr am nackten Leibe blau und starr. "O weh mir", sprach er nun zum Specht, "mein guter Freund. Dein Rat war schlecht Ich weiß, man stirbt aus Hungersnot; doch, wer erfriert, ist gleichfalls tot."
KONRAD PFEFFEL (1736-1809)

27, Der Milchtopf

Gehörig aufgeschürzt, mit starken Schritten, den Milchtopf auf dem Kopf, ging Marthe nach der Stadt, um ihre Ware feilzubieten. Weil doch nun beim Verkauf ein jeder Sorgen hat, so überdachte sie, was, wenn's das Glück ihr gönnte, sie wohl damit verdienen könnte. "Sechs Groschen", dachte sie, "gibt mir wohl jedermann; denn in der Stadt ist alles teuer. Die streich' ich also ein und lege sie mir an und kaufe mir, soweit sie reichen, Eier; die bring' ich wieder in die Stadt. Das Glück hat oft sein Spiel. Für das, was ich gewänne, kauf' ich mir lauter Hühner ein. Dann legt mir eine jede Henne; ich zieh' auch dreimal Brut. Wie wird sich Marthe freu'n, wenn so viel Hühner um sie flattern! Die soll gewiß kein Fuchs ergattern. Sind sie dann groß genug, so kauf' ich mir ein Schwein; Die Kleie hab' ich schon dazu. Das Schwein verkauf' ich auch und kauf' mir eine Kuh; die wirft ein Kalb, ein Kalb voll Mut und Feuer. Ho, wie es springt!" - Hopf, Anne Marthe, hopf ! - Hoch springt sie. - Gute Nacht, Kalb, Kuh, Schwein, Hühner, Eier! Da lag der Topf
1 JOHANN MICHAELIS (1717-1791)

28, Die Grille und die Ameise

Eine Grille, die da sang sommerlang, sah die Nahrung sich genommen, als der Herbst ins Land gekommen; ach, da gab es auch kein Stückchen mehr von Fliege oder Mückchen, drum zu ihrer Nachbarin Aemse ging sie klagend hin, bat, daß sie in ihrem Leide ihr das nötige Getreide bis zum nächsten Frühling lieh. "Nimm mein Ehrenwort", sprach sie, "daß ich bis zur Ernte zahl' Zinsen dir und Kapital." Aemse hatte klugen Sinn, der so schnell nicht jedem leiht. "Was tat'st du zur Sommerszeit?" Sprach sie zu der Borgerin. "Hab mich Tag und Nacht ergötzt mit Gesang auf grüner Flur." "So, gesungen hast du nur? Nun wohlan, so tanze jetzt."
JEAN DE LAFONTAINE (1621-1695)

29, Büffel- oder Ziegenbraten

Ein Indonesier erhielt für den gleichen Tag zwei Einladungen: Ein Freund an der Flußmündung veranstaltete ein Ziegenschlachtfest, ein anderer am Oberlauf des Wassers versprach Büffelbraten und leckeren Klebereis. "Wohin gehe ich nun?" sprach der Geladene zu sich selbst und schnalzte mit der Zunge, denn Ziegenfleisch war sein Lieblingsessen. Auf Büffelbraten mit Klebereis wollte er aber auch nicht verzichten. Nachdem er lange hin und her überlegt hatte, schritt er endlich flußaufwärts. Nach einer Stunde aber hielt er inne und sagte zu sich: "Ein Büffel ist ein gewaltiges Tier, das nicht so rasch verzehrt werden kann. Da komme ich später immer noch zurecht. Ich nehme zunächst den süßen Ziegenbraten als Vorgericht." Also wendete er und lief der Mündung zu. Als er nach einem langen Marsch eben das Dorf des Freundes erreicht hatte, begegnete ihm eine lustige Gruppe von Menschen, und er fragte sie, woher sie kämen. "Vom herrlichen Ziegenschlachtfest - es ist eben vorüber -, wir sind satt und fröhlich!" Da bekam der Mann einen großen Schrecken, machte kehrt und eilte spornstreichs zum Dorf am Oberlauf. "Da werde ich mich am Büffelfleisch mit Klebereis doppelt schadlos halten. Und die Anstrengung gibt guten Hunger!" Endlich langte er schweißbedeckt am Ziele an. Rings um die Hütte des Freundes duftete es wundervoll nach Büffelbraten und Klebereis; doch drinnen war es merkwürdig still. Da trat auch schon der Gastgeber' heraus, freudig rot im Gesicht, und rief verwundert: "Warum kommst du so spät? Die Geladenen sind eben fortgegangen, und alles ist aufgegessen worden."
AUS INDONESIEN

30, Der Affe als Schiedsrichter

Ein Hund und ein Fuchs erblickten gleichzeitig eine schöne große Wurst, die jemand verloren hatte, und nachdem sie eine Weile unentschieden darum gekämpft hatten, kamen sie überein, mit der Beute zum klugen Affen zu gehen. Dessen Schiedsspruch sollte gültig sein. Der Affe hörte die beiden Streitenden aufmerksam an. Dann fällte er mit gerunzelter Stirn das Urteil: "Die Sachlage ist klar. Jedem von euch gehört genau die halbe Wurst!" Damit zerbrach der Affe die Wurst und legte die beiden Teile auf eine Waage. Das eine Stück war schwerer. Also biß er hier einen guten Happen ab. Nun wog er die Stücke von neuem. Da senkte sich die andere Schale; happ-schnapp, kürzte er auch diesen Teil. Wiederum prüfte er sie auf Gleichgewicht, und nun mußte wieder die erste Hälfte ihr Opfer bringen. So mühte der Affe sich weiterhin, jedem sein Recht zu schaffen. Die Enden wurden immer kleiner und die Augen von Hund und Fuchs immer größer. schließlich, rutsch-futsch! war der Rest hier und dort verschlungen. Mit eingeklemmten Ruten schlichen Hund und Fuchs in verbissener Wut davon. In gehöriger Entfernung fielen sie übereinander her und zerzausten sich. Hüte das Deine, laß jedem das Seine!
AUS KOREA

31, Hermes und der Holzhauer

Einem Holzhauer fiel die Axt in einen tiefen Fluß. Wie er nun, traurig darüber, am Ufer saß, trat plötzlich Hermes unerkannt zu ihm. Als er hörte, was jenem widerfahren war, tauchte er in das Wasser hinab und kam mit einer goldenen Axt zurück: "Ist sie das?" - "Nein!" Der Götterbote sprang nochmals in die Tiefe und brachte diesmal eine aus Silber empor: "Wie steht es hiermit?" - Der Mann schüttelte den Kopf, Und zum dritten Male ging Hermes in die Tiefe und jetzt hielt er dem Mann sein verlorenes Werkzeug hin. "Das ist die richtige!" rief sofort der Holzhauer. Hermes freute sich über die Redlichkeit des armen Mannes und schenkte ihm alle drei Äxte. Natürlich erzählte der Holzhauer seinen Gefährten von dem großen Glück, das ihm widerfahren war. Und sogleich packte einen von ihnen Neid und Habgier. Er lief an die beschriebene Stelle, warf seine Axt in den Fluß hinein, ließ sich am Ufer nieder und jammerte. Wirklich erschien Hermes wieder, erkundigte sich auch bei ihm nach dem Grunde seiner Not, dann tauchte er, und siehe, in seiner Hand blinkte ein goldenes Beil. "Wahrhaftig, das ist mein liebes Stück!" versicherte der Betrüger und streckte begierig die Hand danach aus. Hermes aber lachte ihn laut aus und war mitsamt der kostbaren Axt verschwunden.
NACH ÄSOP

32, Wie der Specht entstand

Vor langer, langer Zeit lebte auf einer der indonesischen Inseln ein Mann, der war in allen Holzarbeiten so geschickt wie kaum ein anderer. Seine größte Freude war, schnittige Boote und schöne Häuser zu bauen. Immer wieder kamen die Leute zu ihm, und er erfüllte ihre Wünsche, fragte aber selten nach Bezahlung und nahm immer nur, was man ihm gab. Vor lauter Schaffenseifer im Dienste der anderen kam er nie dazu, für sich selbst ein gutes Haus und ein hübsches Boot herzustellen. Einmal hatte er sich hierfür schon das Holz zurechtgelegt, da drängte ihn schon wieder jemand mit einem Auftrag, und dann ein zweiter, und so ließ er seine eigenen Balken und Bretter eben liegen und verfaulen und begnügte sich weiter mit einer armseligen Hütte. Wenn er es brauchte, lieh er sich ab und zu ein Boot ... Eines Tages hatte er ein Haus gebaut, das war das herrlichste von allen, die er bisher fertiggestellt hatte, und er stand recht zufrieden davor. Da gingen zwei Männer vorbei, und er hörte, wie der eine zum anderen redete: "Wundervolle Häuser baut er für andere, aber er selbst haust wie ein Hund; schlanke und flinke Boote fertigt er für jedermann, und er selbst sitzt auf dem Trockenen; vielen schafft er ein sauber-behagliches Heim, und er selbst hockt in Unrat und Dreck. Er ist der größte Narr!" Da schämte sich der geschickte und fleißige Mann über alle Maßen. Er lief in den dichtesten Wald hinaus, schloß die Augen und rief zu seinen Ahnen: "Ihr meine Schützer, löscht mich Narren aus!" Sogleich versank er in tiefen Schlaf. Als er wieder erwachte, war aus ihm der erste Specht geworden. Wie im früheren Leben trug er eine schwarze Jacke und eine weiße Weste, und auf dem Kopfe hatte er ein rotes Mützlein ... Er suchte sich in einem Baum ein Loch als Wohnung, und alle Tage hämmert und hackt er nun von früh bis spät ins Holz, daß man meint, ein Boot oder ein Haus sei im Bau. Wer aber genauer hinhört, vernimmt: Ich . . . Narr, Narr, Narr! der ich ... war, war, war!
AUS INDONESIEN

33, Die Ameise und die Grille

Wider die Faulen ! Äsop verdanken wir die Fabel mit ihrer lehrreichen Parabel, wie eine Ameise zur Winterszeit aus ihrem Baue, der so tief und weit, ihr Korn holt', das, um vorzusorgen, sie hatt' im Sommer hier geborgen. Nun brachte sie's zum Lüften hoch, weil es schon feucht und dumpfig roch. Da kam die Grille, hunger-eilig, und bat die Ameis' hoch und heilig, ein wenig Korn ihr abzugeben, es ginge wirklich um ihr Leben! Die Ameis' aber fuhr sie an: "Was hast du sommerslang getan, daß du dir nichts hast eingesammelt?" Die Grille ihr zur Antwort stammelt': "Da war ich fröhlich, hab' gesungen, bin lustig durch die Zäun' gesprungen" Die Ameis' lacht' und sprach: "Du Gauch, so sing und spring im Winter auch! Ich brauche selbst, was ich hier hab!" Da zog die Grille traurig ab und litt des Hungers Drang und Zwang den ganzen bösen Winter langl *** Der Ameise - das sieht man leicht ein Mensch in seiner Jugend gleicht, der Arbeit liebt und fleißig übt, kein Tun verschiebt, bedacht sich gibt, in Ordnung immer etwas spart, klug für die Zukunft aufbewahrt. Denn ihm ist klar, auch er wird alt, es kommt des Lebens Winter kalt, wo Kraft und Saft ihm leider schwinden. . . Dann möchte er Erleicht'rung finden, sich am Ersparten gütlich tun und gänzlich ohne Sorgen ruh'n. Wer aber der Grille gleichen tut? Die Jugend im Lebensübermut! Wer faul und liederlich und lässig, verspielt, verliebt, vernascht, gefräßig, von Montag bis Sonntag feiert gern, auf Märkten spielt den großen Herrn und so ein brotlos Leben führt, sich selbst ein bös' Geschick einrührt. Ihm ist, wer nicht sein Gut verpraßt wie er, als Mahner tief verhaßt; er nennt ihn Filz und Pfennigfuchser das ist die Zeit der dummen Juchzer! Kommt aber dann der Winter grämlich, - Gebrechlichkeit und Alter nämlich -, wird er nach warmem Platz sich sehnen; doch die Vergeltung wird ihn höhnen! Wohin sind Geld und Glück und Gunst und alle seine hohle Kunst? Nichts bringt man ihm, und nichts ist da, und Armut ist sein steter Gast; Verhungern ist ihm immer nah, er findet nichts, wohin er faßt! Kennst du den weisen Salomon? Der läßt die Ameis' lehren schon, zu sammeln in der Erntezeit! Drum ihr, die leichten Sinns ihr seid. Zum Sparen find't euch endlich bereit, damit, wenn sich Jugend in Alter verkehrt, ihr sorglos vom Ersparten zehrt!
HANS SACHS (1494-1576)

34, Der Liederjan und die Schwalbe

Ein junger Mann vertat sein großes väterliches Erbe, bis ihm kaum noch ein Mantel übrigblieb. Da erblickte er beim Umherbummeln - es war gegen Wintersende - eine Schwalbe, die vorzeitig aus dem Süden zurückgekehrt war. "Oh!“ rief er, "nun haben wir Frühling, da brauche ich den Mantel nicht mehr." Alsbald verkaufte er ihn. Plötzlich aber kam ein Wetterrückschlag und es wurde wieder bitter kalt. Jämmerlich frierend lief er umher; dabei fand er das Vögelchen, das elend umgekommen war, tot daliegen. "Oh Schwälbchen", stöhnte er, "so gehen wir denn beide zugrunde!"
NACH ÄSOP

35, Die Schatzgräber

Ein Winzer, der am Tode lag, rief seine Kinder an und sprach: In unsrem Weinberg liegt ein Schatz; grabt nur danach! - An welchem Platz? Schrie alles laut den Vater an. - Grabt nur ! - 0 weh ! Da starb der Mann. Kaum war der Alte beigeschafft, da grub man nach aus Leibeskraft. Mit Hacke, Karst und Spaten ward der Weinberg um und um gescharrt. Da war kein Kloß, der ruhig blieb; man warf die Erde gar durchs Sieb. Und zog die Harken kreuz und quer nach jedem Steinchen hin und her. Allein, da ward kein Schatz verspürt, und jeder fühlt sich angeführt. Doch kaum erschien das nächste Jahr, So nahm man mit Erstaunen wahr, daß jede Rebe dreifach trug. Da wurden erst die Söhne klug und gruben nun jahrein, jahraus des Schatzes immer mehr heraus. Ihr lieben Leutchen, Schätzegräberei ist just nicht immer Narretei.
GOTTFRIED AUGUST BÜRGFR (1747-1794)

36, Der Reiher

Ein Reiher schreitet stolz auf hohen Beinen, und reckt und streckt dabei den Hals, den feinen, an eines Baches Bord entlang. Die Sonne lacht, im klaren Wasser tummeln sich fröhlich Hechte, dicke Karpfen bummeln und bieten sich zu leichtem Fang. Der Reiher aber läßt im Wohlbehagen sich gar nicht stören, denkt: für meinen Magen ist es noch nicht die rechte Zeit; die Leckerbissen will ich mir erjagen, wenn's mit dem Hunger ist soweit. So sonnt er träumend sich auf einem Bein. Da stellt der Hunger sich ganz plötzlich ein. Voll Appetit äugt er ins Wasser, wär' gern jetzt Hecht- und Karpfenprasser, doch schmale Schleien kann er nur entdecken. "Solch Bettelmahl soll einem Reiher schmecken?" Verächtlich pfeift er: "Gut, so wart' ich noch!" Die Schleien schwimmen fort, und aus dem Loch vom Grund ein Gründling flirrt empor, kaum fingerlang und dünn wie Rohr. "Den Schnabel aufzutun nach solchem Dreck fällt keinem Reiher ein, drum schert euch weg! Ich werd' mich zu gedulden wissen für einen würd'gen Leckerbissen." Bald steht er, hungersmatt, auf beiden Beinen; umsonst! kein einziger Fisch will mehr erscheinen. Was nun? ... Er schwankt zur nahen Wiesenecke, frißt gierig-froh dort eine bitt're Schnecke! Wer gar zu anspruchsvoll begehrt zu jeder Zeit den höchsten Wert, wird manchesmal zu guter Letzt durch allerkleinste Ding ergötzt.
JEAN DE LAFONTAINF (1621-1695)

37, Die weise Krähe

Die Ur-Krähe hat das Eskimoland erschaffen. Als sie die Insel Nunivak ziemlich fertiggestellt hatte, wollte ihr Helfer, der Ur-Nerz, auf der Südseite einen großen Berg aufschütten. Er sagte: "Er soll dem Geschlecht der Eskimos, die hier künftig wohnen, zu dauernder Freude dienen. Er wird eine besondere Kraft haben. Die alten Männer und Frauen sollen auf ihn gebracht werden. Wenn sie dann den Abhang hinunterrollen, werden sie junger und jünger werden, und wenn sie unten ankommen, mögen sie wieder Kinder sein." "Das wäre nicht gut!" erwiderte die Krähe, "denn bedenke: wenn niemand stirbt und außerdem immer neue Menschen geboren werden, so wird bald zuviel Volk sein, und man wird nicht genug zu essen haben." "Ich wüßte einen Ausweg", schlug der Nerz vor, "Wir verwandeln alle Eisberge in Talg und füllen die vielen Teiche und Seen mit Tran!" "Das dürfen wir den Menschen nicht antun!" lehnte die Krähe entschieden ab, "denn sie müssen sich ihre Nahrung erarbeiten, sonst werden sie schlecht"
FABEL DER ESKIMOS

38, Der Lockvogel

Ein Vogelsteller hatte seinen Herd bereitet und einen Lockvogel dazugesetzt, der vortrefflich singen konnte. Die Vögel in der Nachbarschaft hörten diesen Gesang, flogen herbei und sprachen: "Was für ein Überfluß von Speisen hier liegt! Und wie freundlich uns unser Geselle, dem selbst so wohl ist, dazu einlädt! Wir wollen die gute Gelegenheit benutzen!" Kaum hatten sie zu fressen angefangen, so fiel das Garn, und sie verloren Freiheit und Leben. Ein Vogel nur hatte sich entfernt gehalten, und der Lockvogel rief ihm zu: "Wer hat dich allein so klug gemacht, daß du nicht näher kommst?" "Eine einfache Lehre meines Vaters! - Sohn', sagte er oft, wenn man dir einen Vorteil zeigt, gar so groß und gar so leicht zu erlangen, so hüte dich; denn gemeiniglich liegt Betrug im Hinterhaltel"'
AUGUST GOTTLIEB MFISSNER (1753-1807)

39, Das Fell des Bären

Zwei Freunde, beide knapp bei Kasse, besuchen in der nächsten Gasse den Kürschner, und sie bieten an zum Kauf ein Bärenfell dem Mann. Der fragt: "Wo ist das Fell, Ihr Herren?" "Das, Meister, laßt Euch gar nicht scheren, den Pelz, den sehet Ihr sehr bald ! Der Bär? Der streift jetzt noch im Wald, doch ist er unser, dieser Bär, solch schönen gibt es nimmermehr! Und wir sind beide beste Jäger, berühmt als Ungetümserleger. Schon morgen sind wir hier zurück und bringen Euch das teure Stück. Sechs Mäntel, Meister, macht Ihr draus, nun bitte, zahlt den Preis uns aus!" Der Kürschner wird nicht gern geprellt: "Bringt erst den Pelz, dann kriegt Ihr Geld!" Drauf zieh'n die beiden in den Wald, und wirklich kommt der Bär auch bald. Das Herz rutscht ihnen in die Hosen, sie stehen da wie die Mimosen. Das Ungetüm naht mit Gebrumm. Was tun? ... Der erste, gar nicht dumm, erinnert sich, er hab gelesen, ein Bär hätt' Scheu vor toten Wesen. So fällt er um, liegt starr und still. Der andere, überlegt nicht viel, sieht sich rasch um; man glaubt es kaum, erklettert flink den höchsten Baum. Schon ist auch da der grimme Bär. Er merkt nicht den im Baumeswipfel, und der da liegt, reizt sein Begehr; beschnuppernd prüft er jeden Zipfel des Mannes, der da auf dem Grund des Waldes liegt, verweilt am Mund, zu spüren, ob er atme noch. "Potz Blitz, er riecht schon aus dem Loch!" Der Bär sich wendet schüttelnd um, trabt in den Waldweg mit Gebrumm. Da kommt der Mann vom Baum herunter, reibt sich die Hosen und spricht munter: "Welch Abenteuer, lieber Freund, bestanden brav wir, treu vereinte Doch was - ein Zweig hat grad geknistert hat dir das Biest ins Ohr geflüstert?" "Ein Fell man nicht zu Markte trägt, bevor den Bären man erlegt!" JEAN
DE LAFONTAINE (1621-1695)

40, Hamster und Ameise

"Ihr armseligen Ameisen", sagte ein Hamster, "verlohnt es sich der Mühe, daß ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so weniges einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!" "Höre", antwortete eine Ameise, "wenn er größer ist, als du ihn brauchst, so ist es schon recht, daß die Menschen dir nachgraben, deine Scheuern ausleeren und dich deinen räuberischen Geiz mit dem Leben büßen lassen!" GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729-1781)

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