Alte Fabeln 1/3

1. Der Fuchs und die Trauben

Ein Fuchs, der auf die Beute ging, fand einen Weinstock, der voll schwarzer Trauben an einer hohen Mauer hing. Sie schienen ihm ein köstlich Ding, allein beschwerlich abzuklauben. Er schlich umher, den nächsten Zugang auszuspähn. Umsonst! Kein Sprung war abzusehn. Sich selbst nicht vor dem Trupp der Vögel zu beschämen, der auf den Bäumen saß, kehrt er sich um und spricht und zieht dabei verächtlich das Gesicht: "Was soll ich mir viel Mühe nehmen? Sie sind ja herb und taugen nicht.
KARL WILHELM RAMLER (1725-1798)

2. Die beiden Frösche

Zwei Frösche, deren Tümpel die heiße Sommersonne ausgetrocknet hatte, gingen auf die Wanderschaft. Gegen Abend kamen sie in die Kammer eines Bauernhofs und fanden dort eine große Schüssel Milch vor, die zum Abrahmen aufgestellt worden war. Sie hüpften sogleich hinein und ließen es sich schmecken. Als sie ihren Durst gestillt hatten und wieder ins Freie wollten, konnten sie es nicht: die glatte Wand der Schüssel war nicht zu bezwingen und sie rutschten immer wieder in die Milch zurück. Viele Stunden mühten sie sich nun vergeblich ab, und ihre Schenkel wurden allmählich immer matter. Da quakte der eine Frosch: "Alles Strampeln ist umsonst, das Schicksal ist gegen uns, ich geb's auf 1 " Er machte keine Bewegung mehr, glitt auf den Boden des Gefäßes und ertrank. Sein Gefährte aber kämpfte verzweifelt weiter bis tief in die Nacht hinein. Da fühlte er den ersten festen Butterbrocken unter seinen Füßen, er stieß sich mit letzter Kraft ab und war im Freien.
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3. Die durstige Krähe

Eine durstige Krähe fand einen Wasserkrug; doch war nur so wenig Wasser darin, daß sie es mit ihrem Schnabel nicht zu erreichen vermochte. Sie versuchte, den Krug umzuwerfen; aber dazu war sie zu schwach. Da suchte sie nach einer List, wie sie es dahin brächte, daß sie dennoch aus dem Kruge trinken möchte. Zuletzt nahm sie kleine Steinchen und warf deren so viele in den Krug, daß
das Wasser immer höher emporstieg, bis sie es endlich erreichen und ihren Durst löschen konnte.
HEINRICH STEINHÖWEL (1412-1482)

4, Rabe und Fuchs

Ein Rabe hatte einen Käse gestohlen, flog damit auf einen Baum und wollte dort seine Beute in Ruhe verzehren. Da es aber der Raben Art ist, beim Essen nicht schweigen zu können, hörte ein vorbeikommender Fuchs den Raben über dem Käse krächzen. Er lief eilig hinzu und begann den Raben zu loben: "Rabe, was bist du für ein wunderbarer Vogel. Wenn dein Gesang ebenso schön ist wie dein Gefieder, dann sollte man dich zum König aller Vögel krönen!" Dem Raben taten diese Schmeicheleien so wohl, daß er seinen Schnabel weit aufsperrte, um dem Fuchs etwas vorzusingen. Dabei entfiel ihm der Käse. Den nahm der Fuchs behend, fraß ihn und lachte über den törichten Raben.
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5. Der wilde Hund

Ein wilder Hund fror im Winter jämmerlich. Er kroch in eine Höhle, rollte sich zusammen, zitterte vor Kälte und sprach vor sich hin: "Wenn es nur wieder Sommer und warm wird, dann will ich mir eine Hütte bauen, damit ich im nächsten Winter nicht mehr frieren muß." Als aber der Sommer mit seiner wohltuenden Wärme kam, hatte er seine guten Vorsätze vergessen. Er lag da, reckte und streckte sich, blinzelte behaglich in die Sonne und dachte nicht mehr daran, sich eine Hütte zu bauen. Der nächste Winter war bitter kalt, und der Hund mußte erfrieren.
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6, Der Löwe und die Maus

Der Löwe schlief in seiner Höhle. Um ihn her spielte eine lustige Mäuseschar. Eine davon war eben auf einen hervorstehenden Felsen gekrochen, fiel herab und weckte den Löwen, der sie mit seiner gewaltigen Tatze festhielt. "Ach", bat sie, "sei doch großmütig gegen mich armes, unbedeutendes Geschöpf. Ich habe dich nicht beleidigen wollen. Ich habe nur einen Fehltritt getan und bin vom Felsen herabgefallen. Was kann dir mein Tod nutzen? Schenke mir das Leben, und ich will dir immer dankbar sein." "Geh hin" sagte der Löwe großmütig und ließ das Mäuschen springen. Bei sich aber dachte er: Nun, das möchte ich doch sehen, wie sich ein Mäuschen einem Löwen dankbar erweisen könnte. Kurze Zeit darauf suchte das Mäuschen im Walde Nüsse. Da hörte es ein klägliches Gebrüll. "Das ist der Löwe", sprach es zu sich selbst, "er ist gewiß in Gefahr." Mit diesen Worten lief es der Stelle zu, von wo das Gebrüll ertönte. Da sah es den Löwen, der sich in einem Netze gefangen hatte. Die Stricke waren so stark, daß er sie nicht zerreißen konnte. "Warte nur, mein Freund", sagte das Mäuschen, "da kann ich dir helfen" Es lief hinzu und zernagte die Stricke, die seine Vordertatzen gefesselt hielten. Als diese frei waren, zerriß der Löwe das übrige Netz mit Leichtigkeit. So ward er durch die Hilfe des Mäuschens wieder frei.
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7, Dohle und Fuchs

Eine Dohle ließ sich auf einem Feigenbaum nieder, um ihren großen Hunger zu stillen. Sie mußte aber feststellen, daß die Früchte noch sämtlich unreif und ungenießbar waren. Da suchte sie sich im Geäst einen bequemen Platz und sprach vor sich hin: "So werde ich eben warten, bis die Feigen reif sind" Das hörte ein Fuchs, der eben unten vorüberstrich, und er lachte hinauf: "Dumme Dohle, komm lieber herunter und laß dich gleich fressen, ehe du da oben verhungerst"
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8, Die Katze

Frau Katze, was schleichst du doch dort auf dem Dache umher so hoch? Hast du das Schwälbchen sitzen sehn, möchtest ihm gerne zuleibe gehn? Sachte nur Schwälbchen ist klüger als du, fliegt von dannen, und du siehst zu. Frau Katze war grämlich in ihrem Sinn, sah nur so von der Seite hin, dachte: "Das ist ein schlecht Vergnügen, daß die Vögel so können fliegende; ist dann hinab in den Hof gegangen, hat sich bald eine Maus gefangen.
WILHELM HEY (1789-1854)

9, Vom Kranich und Wolfe

Da der Wolf einstmals ein Schaf gierig fraß, blieb ihm ein Bein im Halse überzwerch stecken, davon er große Angst und Not hatte. Da erbot er sich, großen Lohn und Geschenk dem zu geben, der ihm hülfe. Da kam der Kranich und stieß seinen langen Hals dem Wolf in den Rachen und zog das Bein heraus. Da er aber den verheißenen Lohn forderte, sprach der Wolf: "Willst du noch Lohn haben? Danke du Gott, daß ich dir den Hals nicht abgebissen habe! Du solltest mir schenken, daß du lebendig aus meinem Rachen kommen bist." Lehre: Wer den Leuten in der Welt will wohltun, der muß sich erwägen, Undank zu verdienen. Die Welt lohnt nicht anders denn mit Undank wie man spricht: Wer einen vom Galgen erlöst, dem hilft derselbige gern dran.
MAR-RIN LUTHEP. (1483-1546)

10, Die Grille und die Ameise

Eine faule Grille sang einen ganzen sommerlang und war immer ohne Sorgen für den andern Morgen. Weil der Sommer Nahrung hat, wurde sie auch täglich satt. Aber als der Winter kam und der Flur das Leben nahm, da trieb sie der Hunger hin zu der Ämse: - "Nachbarin, ich bin hungrig, gib mir doch ein klein wenig nur zu leben. Deine Kammer hat ja noch großen Vorrat, und ich will alles gern dir wiedergeben mit den Zinsen im April." "Schwesterchen, wie brachtest du deine Zeit im Sommer zu?" "Nachbarin, du weißt's ja wohl! Ich, die Schwester vom Apoll, sang beständig; hast du mich nicht vernommen? Und konnt' ich, Schwesterchen, was Bessers tun?" - "Grillchen, nein Doch tanze nun"
LUDWIG GLEIM (1719-1803)

11, Huhn und Eier

Eine arme Frau hatte nur ein Huhn, aber das war ihre Freude, denn es legte täglich ein Ei. Da sprach sie bei sich: "Gutes Tierchen, wenn ich dir doppeltes Futter gebe, dann legst du mir bestimmt jeden Tag zwei Eier" Sie tat so in ihrer Unvernunft. Da wurde das Huhn fett und immer fetter und legte schließlich Oberhaupt nicht mehr.
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12, Vom Frosch und von der Maus

Eine Maus wäre gern über ein Wasser gewest und konnte nicht und bat einen Frosch um Rat und Hilfe. Der Frosch war ein Schalk und sprach zur Maus: "Binde deinen Fuß an meinen Fuß, so will ich schwimmen und dich hinüberziehen." Da sie aber aufs Wasser kamen, tauchte der Frosch hinunter und wollte die Maus ertränken. Indem aber die Maus sich wehrte und arbeitete, fleugt eine Weihe daher und erhaschte die Maus, zeucht den Frosch auch mit heraus und frißt sie beide. Lehre: Sieh dich für, mit wem du handelst. Die Welt ist falsch und voll Untreu. Denn welcher Freund den andern vermag, der steckt ihn in'n Sack. Doch schlägt Untreue allzeit ihren eignen Herrn, wie dem Frosch hie geschieht.
MARTIN LUTHER (1483-1546)

13, Die Lerche und ihre Jungen

Hoch wallte das goldene Weizenfeld und baute der Lerche ein Wohngezelt. Sie flog einst in Geschäften aus und kam erst am Abend wieder nach Haus. Da rief der Kindlein zitternde Schar: "Ach, Mutter, wir schweben in großer Gefahr. Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann, ging heut' mit dem Sohn hier vorbei und begann: ,Der Weizen ist reif, die Mahd muß geschehn. Geh, bitte die Nachbarn, ihn morgen zu mähn"' "Oh" sagte die Lerche, "dann ist es noch Zeit; nicht flugs sind die Nachbarn zu Diensten bereit." Drauf flog sie des folgenden Tages aus und kam erst wieder am Abend nach Haus. Da rief der Kindlein zitternde Schar: "Ach, Mutter, wir schweben in neuer Gefahr! Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann, ging heut' mit dem Sohn hier vorbei und begann: ,Uns ließen die treulosen Nachbarn im Stich. Geh rings nun zu unsern Verwandten und sprich: Wollt ihr meinen Vater recht wohlgemut sehn, so helfet ihm morgen sein Weizenfeld mähn". "Oh" sagte die Lerche, "dann ist es noch Zeit; nicht flugs ist die Sippschaft zur Hilfe bereit." Drauf flog sie des folgenden Tages aus und kam erst am Abend wieder nach Haus. Da rief der Kindlein zitternde Schar: "Ach, Mutter, wir schweben in höchster Gefahr! Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann, ging heut' mit dem Sohn hier vorbei und begann: ,Uns ließen auch unsre Verwandten im Stich; ich rechne nun einzig auf dich und mich. Wir wollen, wenn morgen die Hähne krähn, selbander uns rösten, den Weizen zu mähn.". "Ja", sagte die Lerche, "nun ist's an der Zeit; Macht schnell euch, ihr Kinder, zum Abzug bereit! Wer Nachbarn und Vettern die Arbeit vertraut, dem wird nur ein Schloß in die Luft hingebaut; doch unter dem Streben der eigenen Hand erblüht ihm des Werkes vollendeter Stand." Die Lerche entfloh mit den Kleinen geschwind, und über die Stoppeln ging tags drauf der Wind.
AUGUST ERNST LANGBFIN (1757-1835)

14, Der Fuchs und der Bock

Ein Fuchs und ein Bock gingen bei großer Hitze miteinander über Feld. Sie lechzten nach einem Trunk und fanden endlich zu ihrer Freude einen Brunnen. Ohne sich lange zu bedenken, sprangen sie - der Bock voran hinunter und stillten ihren Durst. Nun erst begann der Bock umherzuspähen, wie er hier wohl wieder herauskommen könnte. Der Fuchs beruhigte ihn und sagte: "Sei guten Mutes, Freund! Noch weiß ich Rat, der uns beide retten kann. Stelle dich aufrecht auf deine Hinterbeine, stemme die Vorderbeine gegen die Mauer und richte die Hörner nach vorn. So kann ich leicht von deinem Rücken auf die Hörner steigen und von da hinausspringen. Alsdann werde ich auch dich emporziehen." Der Bock ließ sich das alles willig gefallen. Der Fuchs hüpfte hinauf und war mit einem Satz aus dem Gefängnis. Frohlockend tanzte er nun um den Rand des Brunnens herum und spottete des armen Bockes. "Hältst du so dein Versprechen?" rief dieser. "Da sieh du zu!" antwortete der schadenfrohe Fuchs. "Hättest du soviel Verstand wie Haare im Bart, so wärst du nie in diesen Brunnen gesprungen, ohne zu bedenken, wie du wieder herauskommen könntest!"
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15, Der Landmann und seine Kinder

Arbeitet, mühet euch ums Brot, das wird als bester Schatz euch dienen. Ein reicher Landmann, der sich nahen fühlt' den Tod, rief seine Kinder, und allein sprach er zu ihnen: ,Nehmt euch in acht, daß ihr verkauft nicht das Gut, das uns die Eltern hinterlassen, Weil's einen Schatz soll in sich fassen. Ich weiß den Ort nicht recht, doch mit ein wenig Mut wird er zu finden sein; ihr werdet bald ihn haben. Gleich nach der Erntezeit mögt ihr den Acker graben. Stecht um und hackt und grabt und lasset keinen Ort, den ihr durchwühlt nicht fort und fort." Der Vater starb, die Schar der Söhne aber wendet den Acker um und um, daß, als das Jahr beendet, er mehr als je zuvor eintrug. Nicht an verborgenem Geld. Es war der Vater klug, der sie belehrt zur letzten Frist, was für ein Schatz die Arbeit ist.
JEAN DE LAPONTAINE (1621-1695)

16, Der Affe und der Reisvogel

Ein Affe und ein Reisvogel begegneten sich am Strande einer indonesischen Insel. Der Affe zeigte auf ein Schiff, das in der Ferne über das Meer zog, und sagte sehnsüchtig und neugierig: "Noch niemals war ich auf dem großen Wasser. Wenn ich nur wüßte, wie man zu einem Schiff kommt und wer mich begleitete" "Kannst du denn notfalls auch schwimmen?" fragte der Reisvogel. "Ein Affe kann alles!" "Nun gut, dann werde ich dir behilflich sein. Sieh dort den großen Kessel neben der Hütte. Darin haben die Menschen gestern Reis gekocht und nun ist der Rest zu einer festen Kruste geworden. Nimm die geschickt heraus, dann haben wir ein Boot, das uns beide trägt." Flink tat der Affe, wie ihm geheißen war, und der Reisvogel ermunterte ihn: "Bring unser Schifflein dort etwas in die Wellen hinaus, dann unternehmen wir eine prächtige Segelfahrt." Beide ließen sich ins offene Meer hinaustreiben, die Sonne schien golden, ein leichter Wind wehte, es war wundervoll. Nach einigen Stunden rieb sich der Affe den Bauch: "Ich habe großen Hunger! Was kann ich hier essen?" "Nimm ein Stücklein von unserem Boot!" Der Affe tat so, aber eine Weile später ließ er sich schon wieder vernehmen: "Jetzt ist mein Hunger noch schlimmer" Der Reisvogel warnte, doch der Affe hörte nicht darauf. "Nur noch ein kleines bimenf" sagte er und brach einen weiteren Happen ab. Das tat er noch einige Male, und plötzlich - knackst - brach das Schifflein entzwei und versank. Der Reisvogel flog empor in die Luft und nach Hause, der Affe aber ertrank. AUS
INDONESIEN

17, Der Esel auf Probe

Ein Mann kaufte einen Esel, aber nicht gleich endgültig, sondern er machte eine Probezeit aus. Als er mit ihm in seinen Hof kam, wo schon mehrere Esel teils bei der Arbeit, teils bei der Abfütterung waren, ließ er ihn frei laufen. Sogleich trottete der neue zu dem faulsten und gefräßigsten Gefährten und stellte sich zu ihm an die Futterkrippe. Da legte ihm der Mann den Strick wieder um den Hals und brachte ihn dem bisherigen Besitzer zurück. "So schnell kannst du ihn doch gar nicht erprobt haben" wunderte sich der. "Oh, mir genügt, was ich gesehen und erfahren habe: nach der Gesellschaft, die er sich ausgesucht hat, ist er ein übler Bursche!"
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18, Der kleine Karpfen

Ein kleiner Fisch wird wohl mal groß, gibt Gott ihm dazu Zeit genug; doch wer solch kleinen Fisch läßt los, der ihm ins Netz geht, tut nicht klug: Denn unwahrscheinlich, nein! Man fängt ihn niemals wieder ein! Ein Karpfen - wen'ger noch - ein winzig Kärpfelein ward eines Anglers erste Morgenbeute. "Sieh an", spricht der, "bist zwar noch jung und klein, doch hilft's dir nichts, bist bald nicht mehr alleine Der Anfang ist gemacht zum Essen heute!" Das arme Fischlein flehte angstvoll, prophezeite: "Was hast du schon an mir? Davon gehörten an hundert wohl auf deinen Tisch. Zum richtigen Karpfen laß mich doch erst werden; fängst wieder dann den schweren Fisch, verkaufst ihn auf dem Markt, der bringt was ein! Doch mich zu schlachten, lieber Freund, laß sein! Wohl hundert, wie gesagt, solch Karpfenbohnen brauchst du für ein Gericht - das soll sich lohnen?" "Ob's lohnt", so sprach der Fischer, "überlasse mir, du schlaues Freundchen, Kärpflein, soviel sag ich dir: Noch heut kommst du in die Pfanne, und gar heiter will ich dir lauschen, predigst du dort weiter." Denn besser ist ein Sperling in der Hand als eine Taube auf des Daches Rand!
JEAN DE LAFONTAINE (1621-1695)

19. Der Pfau und der Hahn

Einst sprach der Pfau zu der Henne: "Sieh einmal, wie hochmütig und trotzig ein Hahn einhertritt! Und doch sagen die Menschen nicht: der stolze Hahn; sondern nur immer: der stolze Pfau." "Das macht", sagte die Henne, "weil der Mensch einen gegründeten Stolz übersiehet. Der Hahn ist auf seine Wachsamkeit, auf seine Mannheit stolz; aber worauf du? - Auf Farben und Federn."
GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729-1781)

20, Die beiden Bauern

Zwei Bauern, Hein und Kilian, die nachbarlich zu Markte stiegen, durchstrichen einen Wald. Hein ging voran. Jetzt sah er einen Sack mit Geld im Grase liegen. Er rafft ihn gierig auf und steckt ihn lächelnd ein. "Das war ein schöner Fund, Herr Vetter Hein", sprach Kilian; - "der hilft uns auf die Beine!" "Uns? sagt Ihr? Wie versteht Ihr das? Das rechte Wort ist Euch........ ! nun, ich meine, die Hälfte sei für mich........ Ei Spaß! Der Fisch ist mein, ich hab' ihn ja gefangen", rief Hein. - Der Vetter ließ die Flügel hangen und schlich so stumm, als wär' er selbst ein Fisch, dem reichen Vetter nach, - als schnell aus dem Gebüsch ein paar verweg'ne Räuber sprangen. Hein klapperte vor Furcht: "Was fangen wir nun an? Wir sind verlorene - "Wir?" sprach Kilian, "Ihr irrt Euch, lieber Spießgeselle; das rechte Wort ist Ihr." Husch, flog er in's Gehölz. Hein konnte gar nicht von der Stelle. Die Räuber fielen ihm mit Säbeln auf den Pelz, "Geld oder Blut!" hieß es. In Todesangst versenkst, gab er den Schatz und obendrein sein Kleid. Wer, wenn das Glück ihm lacht, an sich nur denket, hat keinen Freund in Widerwärtigkeit.
KONRAT PFEFFEL (1736-1809)

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