Chinesische Weisheiten
Hohe Weisheiten aus dem fernen Osten, die heute noch ihre Gültigkeit haben.

Liae Dsi (6. - 5. Jh. v. Chr.)

Jemand sagte zu Meister Liä Dsi: "Wie kann der Meister die Leere so hochschätzen?" Liä Dsi sprach: "Die Leere braucht keine Hochschätzung. Nicht auf den Namen kommt es an. Nichts gleicht der Stille, nichts der Leere. Durch Stille, durch Leere findet man Heimat durch Nehmen und Geben verliert man seinen Ort. Wenn eine Sache verdorben und zerstört ist kann man sie nicht wiedergutmachen, wenn man nachher herumfuchtelt mit Liebe und Pflicht.'

Im Buche des Herrn der gelben Erde heißt es: "Der höchste Mensch verweilt wie ein Leichnam und bewegt sich wie in Fesseln, weder weiß er, weshalb er verweilt noch weshalb er nicht verweilt. Weder weiß er, weshalb er sich bewegt noch weshalb er sich nicht bewegt. Weder vor den Blicken der Menge ändert er sein äußeres Benehmen, noch kann man von ihm sagen, daß, wenn er den Blicken der Menge entzogen ist, er sein äußeres Benehmen nicht verändert. Einsam geht einsam kommt er, einsam äußert er sich, einsam zieht er sich in sich zurück. Wer kann ihn daran hindern?"

Vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher: Verschlagene und Reizbare, Zurückhaltende und Heftige. Jeder geht seinen Zielen nach und sie verstehen bis ans Ende der Tage gegenseitig ihre Gefühle nicht; jeder hält seine Weisheit für die tiefste. Vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher: Redegewandte und Einfältige, Alberne und Kriecher. Jeder geht seinen Zielen nach und sie verkehren bis ans Ende der Tage nicht miteinander; jeder hält seine Kunst für die feinste. Vier Menscharten wandern miteinander auf der Welt umher: Heimtückische und Unverschämte, Voreilige und kalte Spötter. Jeder geht seinen Zielen nach und sie bringen bis ans Ende der Tage einander nicht zur Besinnung; jeder denkt daß sein Verstand es erfaßt habe. Vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher: Heuchler und Aufdringliche, Tollkühne und Zaudernde; jeder hält seinen Wandel für tadellos. Vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher: Gesellschaftsmenschen und Selbstgewisse, Tyrannen und Vereinsamte. Jeder geht seinen Zielen nach und sie beachten bis ans Ende der Tage einander nicht; jeder hält sich für zeitgemäß. Dies ist der Zustand der Menge. Ihr Äußeres ist vielgestaltig, doch folgen sie alle den ewigen Gesetzen und sind dem Schicksal unterworfen.

Das beinah Vollkommene ist dem Vollkommenen ähnlich; es ist jedoch von Anfang an unvollkommen. Das beinah Verkommene ist dem Verkommenen ähnlich; es istjedoch von Anfailg an nicht verkommen. So entsteht Betörung aus der Ahnlichkeit. Die Grenzen solcher Ähnlichkeiten sind verschwommen. Derjenige, der das Ähnliche ungetrübt zu unterscheiden vermag, fürchtet kein äußeres Unheil und freut sich keines inneren Glücks. Wann die rechte Zeit ist zu wirken, und wann die rechte Zeit ist innezuhalten, kann auch der Weiseste nicht wissen. Wer sich dem Schicksal ergibt betrachtet die Außenwelt und das eigne Selbst mit gleichen Gefühlen. Wer der Außenwelt und dem eignen Ich mit verschiedenen Gefühlen gegenübersteht ist noch nicht so weit wie einer, welcher mit verbundenen Augen und mit verstopften Ohren dasteht im Rücken eine Felswand und vor sich einen Sumpfgraben, und doch nicht hineinstürzt. Deshalb heißt es: Tod und Leben kommen vom Schicksal, Armut und Mißerfolg hängen von der Zeit ab. Wer über ein vorzeitig abgebrochenes Leben murrt der kennt das Schicksal nicht. Wer über Armut und Mißerfolg murrt der kennt die Zeit nicht. Im Tode nicht zagen, unter Mißerfolg nicht trauern: Das bedeutet das Schicksal kennen und sich der Zeit fügen. Menschen, die viel Weisheit haben, ermessen Gewinn und Schaden, beurteilen, was nichtig und was wirklich ist und berechnen die Gefühle der Menschen. Zur Hälfte erreichen sie ihr Ziel, zur Hälfte nicht. Menschen mit wenig Weisheit ermessen nicht Gewinn und Schaden, beurteilen nicht was nichtig und was wirklich ist und berechnen nicht die Gefühle der Menschen. Zur Hälfte erreichen sie ihr Ziel, zur Hälfte nicht. Was ist deshalb der Unterschied zwischen Ermessen und Nichtermessen, zwischen Beurteilen und Nichtbeurteilen, zwischen Berechnen und Nichtberechnen? Nur der, der nichts ermißt und alles ermißt erreicht das Vollkommene und hat keinen Verlust und doch kennt er nicht die Vollkommenheit noch den Verlust; denn Vollkommenheit Nichtsein, Verlust beruhen alle auf sich selber.

Yü Hiung sprach: "Der Kreislauf hört nicht auf. Wer merkt aber die verborgenen Veränderungen von Himmel und Erde? Wenn die Dinge auf der einen Seite verringert werden, werden sie auf der anderen Seite vermehrt; wenn sie hier voll werden, nehmen sie dort ab. Verringerung und Nermehrung, Vollwerden und Abnehmen werden stets erzeugt und hören stets auf, ihr Gehen und Kommen ist miteinander durch unsichtbare Über gänge verbunden. Wer merkt es wohl? Überall nimmt eine Kraft nicht plötzlich zu, nimmt eine Form nicht plötzlich ab, deshalb bemerkt man auch ihr Vollwerden und Abnehmen nicht. Es ist wie bei dem Menschen, der sich von Geburt bis zum Alter im äußeren Aussehen und im Stand seiner Erkenntnis täglich verändert: Haut Nägel und Haare werden stets erzeugt und fallen stets ab. Es gibt kein Stillstehen auf der Stufe der Kindheit ohne Veränderung. Die Übergänge sind unmerklich; erst hinterher erkennt man es'

Die Willenskraft sprach zum Schicksal: "Deine Wirkungen können sich mit den meinen nicht vergleichen.' Das Schicksal sprach: "Welche Wirkungen hast du auf die Natur, daß du dich mit mir vergleichen willst?" Die Willenskraft sprach: "Langes und kurzes Leben, Erfolg und Mißerfolg, Ehre und Niedrigkeit Armut und Reichtum: dies steht alles in meiner Macht". Das Schicksal sprach: "Großvater Peng war nicht weiser als die heiligen Herrscher Yau und Schun und wurde doch achthundert Jahre alt. Yän Yüan war an Begabung nicht geringer als andere und mußte doch mit zweiunddreißig Jahren sterben. Kungs Geisteskraft war seinerzeit nicht geringer als die der Fürsten, und doch kam er in Not zu Tschen und Tsai. Der Wandel des Tyrannen Dschou Sin aus dem Hause Yin war nicht besser als der der drei Vollkommenen zu seiner Zeit und doch saß er auf dem Herrscherthron. Der ehrwürdige Gi Dscha wurde nicht mit dem Wu-Gebiet belehnt und der Mörder Heng aus dem Hause Tiän kam in den Besitz der Alleinherrschaft im Staate Tsi. Die unbeugsamen guten Brüder Be 1 und Schu Tsi verhungerten am Schou-Yang-Berg, das böse Haus Gi wurde reicher als Dschan Kin. Wenn dies alles durch dein Vermögen, o Willenskraft zustande gekommen ist warum gabst du jenem so langes Leben und diesem so kurzes? Warum gabst du dem Heiligen Mißerfolg und dem Sünder Erfolg? Warum erniedrigst du den Würdigen und ehrtest den Narren? Warum machtest du die Guten arm und die Bösen reich?" Die Willenskraft sprach: "Wenn es so ist wie du redest dann habe ich allerdings keine Wirkung auf die Natur. Das Verhalten der Natur ist dann also etwas, was du gemacht hast?" Das Schicksal sprach: "Wenn ich doch Schicksal heiße, wie kann da noch vollmachen' die Rede sein? Das Gerade treibe ich, das Krumme dulde ich. Hohes Alter, welches aus sich selber kommt; frühes Sterben, welches aus sich selber kommt; Erfolg und Mißerfolg, Ehre und Niedrigkeit welche aus sich selber kommen: Diese kann ich auch nicht erkennen"

Es war ein Herr von Nordhausen, der zu dem Herrn von Westheim sprach: "Ich habe dasselbe Alter wie du, und die Leute schaffen dir Erfolg; wir haben beide den selben Stamm, und die Leute ehren dich; wir haben dieselbe Gestalt und die Leute lieben dich; wir reden die selben Worte, und die Leute folgen dir; wir unternehmen dieselben Taten, und die Leute trauen dir; wir haben dasselbe Amt inne, und die Leute achten dich; wir pflügen dieselben Felder, und die Leute schaffen dir Reichtum; wir treiben dieselben Geschäfte, und die Leute bringen dir Gewinn. Ich kleide mich in grobe Wolle, ich esse schwarzes Brot ich wohne in einer Strohhütte, und will ich reisen, muß ich zu Fuß gehen. Du bist in Samt und Seide gekleidet du ißt Reis und Fleisch, du lebst unter hohem Dache und fährst vierspännig aus. In der Heimat setzt du dich mit heiterer Gelassenheit über mich hinweg, bei Hofe bist du hochfahrend und stolz gegen mich. Seit Jahren vermeiden wir gegenseitigem Verkehr und gehen nicht mehr gemeinsam auf Reisen. Denkst du, daß deine Wesensart meiner überlegen ist?" – Der von Westheim sprach: "Ich weiß nicht, wo der eigentliche Grund liegt. Aber was du tust hat Mißerfolg, und was ich tue gelingt: Das ist doch wohl Beweis, daß wir uns durch Fülle und Ärmlichkeit unterscheiden. Was redest du da von Dingen, in denen du mir gleich seiest das kommt nur von deiner dicken Stirn" Der von Nordhausen hatte darauf nichts zu antworten; verlor seine Selbstachtung und ging nach Hause. Unterwegs begegnete er dem Lehrer Ostweiler. Der Lehrer sprach: "Warum läufst du so verlassen einsam hin und her, und warum zeigen deine Schritte tiefe Scham?" Der von Nordhausen erzählte seine Geschichte. Da sprach der Lehrer Ostweiler: "Ich will dir deine Beschämung abnehmen und wieder mit dir zu dem Westheim gehen." Dort fragte er jenen: "Wodurch hast du den Nordhausen so sehr beschämt? Sage alles wahrheitsgemäß!" Der von Westheim sprach: "Der Nordhausen sagte, daß er an Alter, Stamm, Jahren, Gestalt Worten und Taten mir gleich sei, aber an Ehre und Reichtum hinter mir zurückstehe. Ich habe daraufhin ihm geantwortet: Ich weiß nicht worin der eigentliche Grund liegt. Aber was du tust hat Mißerfolg, und was ich tue, das gelingt: Das ist doch wohl ein Beweis, daß wir uns durch Fülle und Ärmlichkeit unterscheiden. Was redest du da von Dingen, in denen du mir gleich seiest das kommt nur von deiner dicken Stirn."' Der Lehrer Ostweiler sagte: "Fülle und Ärmlichkeit ist nach deinen Worten auf den Unterschied des Wesens der Begabung beschränkt. Ich fasse Fülle und Ärmlichkeit anders auf. Der Nordhausen hat Fülle des Wesens, jedoch ein ärmlicheres Schicksal, du hast Fülle des Schicksals, jedoch ein ärmlicheres Wesen. Deine Erfolge sind nicht durch Weisheit errungen, Nordhausen hat sich seine Mißerfolge nicht durch Torheit zugezogen. Dies alles sind Wirkungen des Himmels und nicht der Menschen. Daß du dich der Fülle des Schicksals rühmst und Nordhausen der Fülle seines Wesens sich schämt, kommt daher, daß ihr die Naturgesetze nicht kennt ' " Der von Westheim sprach: "Herr, haltet ein! Ich will nie wieder so reden!" Als nun Nordhausen nach Hause kam, zog er seinen groben Wollkittel an und fühlte sich so warm wie in Fuchs- oder Dachspelzen. Er aß seine Bohnenkerne, und sie schmeckten ihm so gut wie der feinste Reis; er barg sich in seiner Strohhütte, als säße er im Schatten weiter Hallen. Er fuhr in seinem Heuwagen so behaglich wie in einer Staatskarosse. Er hatte seine Lebensfreudigkeit wiedergefunden und wußte nicht mehr, ob Ehre und Schande auf der Seite des anderen oder auf seiner Seite waren. Lehrer Ostweiler hörte es und sprach:"DerNordhausen hat lange geschlafen, und doch konnte ein einziges Wort ihn aufwecken. Er ist leicht aus der Fassung zu bringen."

Tang vom Hause Yin fragte Gi von Hia: "Gab es am Urbeginn eine Welt?" Gi von Hia sprach:"Wenn es am Urbeginn keine Welt gegeben hätte, wie könnte es dann heute eine Welt geben? Da könnten die Menschen in Zukunft auch behaupten, daß es heute keine Welt gebe' Tang von Yin fragte: "Dann gibt es also in der Welt kein Vorher und kein Nachher." Gi von Hia sprach: "Ende und Anfang sind nicht fest begrenzt. Jeder Anfang kann als Ende gesehen werden, jedes Ende kann als Anfang genommen werden: Wie soll ich ihren Verlauf erkennen können? Was jenseits der Welt liegt was vor den Erscheinungen ist ist etwas, was ich nicht erkennen kann' Tang von Yin fragte:"Gibt es dann im Raum eine äußere Grenze und letzte einfache Teile?" Gi von Hia sprach: "Das weiß ich nicht ' " Tang fragte dringender. Gi antwortete:"Wenn es einen leeren Raum gibt, dann hat er keine Grenzen, wenn es nur erfüllten Raum gibt dann hat er letzte einfache Teile. Wie kann ich dies erkennen? Man kann jenseits der Grenzen des Leeren sich noch einmal ein grenzenlos-grenzenloses Leere denken, innerhalb der unendlich kleinen Teile noch einmal unendlich-unendlich kleine Teile. Da jenseits des Grenzenlosen wieder ein grenzenloses Grenzenloses und innerhalb des unendlich kleinen wieder ein unendlich-unendliches Kleines ist so kann ich mir vorstellen, daß es keine Grenzen und keine letzten einfachen Teile gibt mir nicht aber vorstellen, daß es Grenzen und einfache Teile gibt.“ Tang fragte abermals und sprach: "Und wie ist es jenseits der vier Meere?" Gi sprach: "So wie hier bei uns' " Tang fragte: "Wie willst du das beweisen?" Gi sprach: "Wenn ich nach Osten gehe, komme ich nach Ying. Dort sind die Leute wie hier. Wenn ich frage, wie es östlich von Ying ist ist es dort wie in Ying. Gehe ich nach Westen, komme ich nach Bin. Dort sind die Leute wie hier. Wenn ich frage, wie es westlich von Bin ist ist es dort wie in Bin. Daher weiß ich, daß esjenseits der vier Meere, jenseits der vier Wüsten, jenseits der vier Pole nicht anders ist als hier. Weil immer ein Größeres das Kleinere in sich schließt gibt es kein Ende und keine Grenzen. Es gibt etwas, was die Natur in sich faßt wie es auch etwas gibt was die Welt in sich faßt. Weil es etwas gibt was die Natur in sich faßt gibt es kein Ende. Weil es etwas gibt was die Welt in sich faßt gibt es keine Grenze. Wie kann ich wissen, ob es um unsere Welt herum nicht noch eine größere Welt gibt? Anderseits übersteigt das auch das Wissen. Daraus folgt daß die Welt auch zur Natur gehört. Die Natur aber ist unvollkommen.“

Guan Yin Hi sprach: "Wer nicht an seinem Eignen haftet, dem tut sich die Leiblichkeit und die Außenwelt kund. In seinen Handlungen ist er wie das Wasser. In seiner Ruhe ist er wie ein Spiegel. In seinen Gegenwirkungen ist er wie ein Echo. Deshalb ist sein Urgrund des Seins Abbild der Außenwelt. Die Außenwelt widerstrebt wohl ihrerseits dem Urgrund des Seins, aber der Urgrund des Seins wiederstrebt nicht der Außenwelt. Deshalb bedarf der, der sich auf diesen Urgrund des Seins versteht nicht des Ohrs, noch des Auges, noch der Stärke, noch des Bewußtseins. Wer diesen Urgrund des Seins begehrt und ihn sucht mit Auge und Ohr, mit der Leiblichkeit und mit Erkenntnis, ist auf falscher Fährte. Er starrt nach vorne, und plötzlich ist er hinter ihm. Gebraucht man ihn, erfüllt er alle Leere, tut man ihn ab, weiß man nicht wo er geblieben ist. Er ist weder fern, so daß man ihn durch bewußtes Suchen finden könnte, noch ist er nahe, so daß man ihn durch unbewußten Zufall finden könnte. Nur schweigend erlangt man ihn. Nur wer sein Wesen zur Vollendung gebracht, erlangt ihn. Erkennen ohne Leidenschaft, Vermögen ohne Handlungen ist wahres Erkennen und wahres Vermögen. Wer die Aufhebung des Erkennens in sich entwickelt kann der noch leidenschaftlich sein? Wer die Beseitigung des Vermögens in sich entwickelt kann der sich noch in Handlungen verstricken? Wer Irdisches sammelt und Staub aufhäuft ist auch wenn er Geschäftigkeit meidet noch nicht zur wahren Vernunft durchgedrungen.

Tang fragte noch einmal: "Gibt es in der Natur einen festen Maßstab für Größe und Kleinheit Länge und Kürze, Gleichheit und Verschiedenheit?" Gi antwortete: "Ostlich vom Gelben Meer, wer weiß, wie viele tausend Meilen weit ist eine große Untiefe. In Wirklichkeit ist sie ein bodenloser Abgrund, man nennt sie das große Grab. Alles Wasser der irdischen Gefilde und der Strom der Milchstraße fließen dort hinein. Doch nimmt es weder zu noch ab. In seiner Mitte waren fünf Berge: der eine heißt Dai Yü (der große Wagen), der zweite heißt Yüan Kiau (der runde Gipfel), der dritte heißt Fang Hu (die viereckige Urne), der vierte heißt Ying Dschou (Atlantis), der fünfte heißt Peng Lai (Irrgarten). Die Berge hatten eine Höhe und einen unteren Umfang von 30 000 Meilen. Auf ihren Gipfeln war ein ebener Raum, der 9 000 Meilen groß war. Zwischen den Bergen gab es Zwischenräume von 70 000 Meilen. Doch galten sie noch als benachbart. Auf ihren Gipfeln war lauter Gold und Edelsteine; Vögel und Tiere waren wie weiße Seide; Bäume von Perlen und Korallen wuchsen in dichten Wäldern; Blumen und Früchte waren duftend und süß. Wer davon aß, wurde frei von Alter und Tod. Die Leute, welche dort wohnten, waren Engel und Feen. Jeden Tag flogen sie in zahllosen Scharen zueinander, um sich zu besuchen. Aber die Wurzeln der fünf Berge waren lose, deshalb schwammen sie immer mit Flut und Wogen auf und ab, hin und her und standen keinen Augenblick fest. Die Engel ärgerte das, und sie sagten es dem Herrn. Der Herr fürchtete, sie möchten nach dem Westpol abgetrieben und damit der Wohnsitz der Engelscharen verloren werden. Deshalb befahl er dem Yü Giang, fünfzehn ungeheure Seeschildkröten zu bringen, die auf ihren Köpfen die Berge tragen sollten. In dreimaliger Wechselfolge sollte je immer 60 000 Jahre Dienst tun. So wurden die fünf Berge fest und bewegten sich nicht mehr. Im Reiche des Drachenfürsten aber lebte ein Riese, der hob den Fuß und kam mit ein paar Schritten an den Ort der fünf Berge. Er angelte sechs der Schildkröten und nahm sie auf den Rücken und kehrte in sein Land zurück. Dort röstete er die Schalen, um Orakel zu gewinnen. Nun trieben die beiden Berge Dai Yü und Yüan Kiau nach dem Nordpol und versanken im großen Meer. Von den Engeln aber wurden viele Millionen heimatlos. Der Herr wurde zornig und verkleinerte das Reich des Drachenfürsten so, daß es bedrückt ward, und verkleinerte seine Bewohner, so daß sie kürzer wurden. Nördlich vom kahlen Norden ist ein großer Ozean, der Himmelssee. Dort gibt es einen Fisch, der wohl tausend Meilen breit und entsprechend langsam ist. Er heißt Kun. Es gibt einen Vogel, der heißt Peng, dessen Flügel ähneln vom Himmel fallenden Wolken, sein Leib ist entsprechend groß. Doch die Welt weiß nicht, daß es solche Wesen gibt. (Der große Yü ging hin und sah sie, Be I kannte und benannte sie, 1 Giän hörte davon und zeichnete es auf.) Zwischen den Flüssen Giang und Pu entstehen winzige Lebewesen, Disau Ming genannt die in Scharen herbeifliegen und im Augenwinkel einer Mücke sich sammeln, die Mücke merkt davon nichts. Sogar Leute, welche so scharf sehen wie ein Li Dschu und Dsi Yü erblikken nicht ihre Gestalt und wenn sie sich am hellen Tage die Augen reiben und die Brauen hochziehen, um sie zu sehen. Sogar Leute mit so feinem Gehör wie Li Yü und Schi Guang vernehmen nicht ihren Laut und wenn sie sich in stiller Nacht die Ohren putzen und den Kopf dukken, um auf sie zu horchen. Nur der Herr der gelben Erde und Yung Tscheng Dsi, als sie auf dem Kung Tung wohnten und drei Monate fasteten, so daß ihr Herz erstarb und ihr Leib welkte, erblickten im Geiste allmählich diese als große Massen wie den Abhang des Sungberges; sie hörten sie allmählich im Äther als lautes Tollen wie des Donners Ton. Im Staate Wu und Tschu wächst ein großer Baum, er heißt Pumalobaum, er wächst im Winter, seine Früchte sind gelbrot und schmecken sauer. Die Schale und der Saft sind gut für Wechselfieber. Die Leute vom Tsi-Bezirk hielten den Baum für wertvoll und brachten ihn über den Huaifluß, so wurde der wilde dornige Apfelsinenbusch daraus. Der Mainauvogel geht nicht über den Dsi-Fluß. Wenn der Dachs über den Wen-Fluß geht stirbt er. Das sind Einflüsse des Klimas. Obwohl deshalb die einzelnen Arten an Gestalt und Kraft verschieden sind, sind sie von Natur gleichmäßig ausgestattet, so daß sie nicht miteinander tauschen mögen. Ihr Leben ist durchaus vollkommenen, ihr Anteil ist durchaus genügend. Weshalb soll ich also wissen, ob es einen festen Maßstab für Groß und Klein oder für Lang und Kurz oder für Gleichheit und Verschiedenheit gibt?"

Ein Mann aus Dscheng ging in die Steppe, um Brennholz zu suchen. Da traf er auf ein aufgescheuchtes Reh. Er fing es, schlug und tötete es. Damit es kein anderer finde, verbarg er es in einem leeren Graben und deckte es mit Reisern ab. Er konnte seiner Freude nicht Herr werden. Doch plötzlich vergaß er den Ort wo er es versteckt hatte. So hielt er alles für einen Traum. Er ging seines Wegs und sprach sein Erlebnis vor sich hin. Ein anderer hörte dies; er merkte dessen Reden und fand das Reh. Als er nach Hause kam erzählte er seiner Frau davon: "Ein Reisigsammler hat vorher im Traum ein Reh gefangen, doch wußte er den Ort nicht mehr. Ich habe es gefunden. Er hatte also einen wahren Traum.' Die Frau sagte: "Du hast im Traum wohl einen Reisigsammler gesehen und so das Reh gefunden. Woher soll denn auf einmal so ein Reisigsammler kommen? Du hast ja in Wirklichkeit ein Reh gefunden, also ist dein Traum wahr gewesen.' Der Mann sagte: "Ich halte das gefundene Reh in Händen; was muß ich wissen, ob er geträumt oder ich geträumt habe?" Der Reisigsammler ging nach Hause und war über den Verlust des Rehes nicht ärgerlich. In der Nacht sah er im Traum den Ort wo er das Reh versteckt hatte und träumte von dem Finder, welcher es gefunden hatte. Am nächsten Morgen ging er nach, was er geträumt hatte und fand es wahr. Nun stritten sie sich um das Reh, und die Sache kam vor den Richter. Der Richter sagte: "Hast du in Wirklichkeit zuerst das Reh gefunden und hieltest dies dann irrtümlich für einen Traum, oder hast du in Wirklichkeit geträumt daß du das Reh gefunden hast und du es nun irrtümlich für eine Tatsache hältst? Hat jener wirklich dein Reh weggenommen und streitet nun mit dir um das Reh? Die Frau behauptet sogar, daß er im Traum den Mann und das Reh gesehen und gar niemand war, welcher das Reh gefunden. Nun haben wir aber tatsächlich dieses Reh vor uns. Ich bitte, es in zwei Teile zu zerlegen und den Fürsten von Dscheng darüber zu hören' ' Der Fürst von Dscheng sagte: "Nun, der Richter träumt wohl ebenfalls, das Reh der Leute zu teilen!" und fragte den Reichskanzler. Der Reichskanzler sagte: "Ob es Traum war oder nicht; Traum ist etwas, was ich nicht entscheiden kann. Will man entscheiden, was Traum und was Wachen war, dann kann das nur der weise Herr der gelben Erde oder Kung Dsi. Nun gibt es aber keinen Herrn der gelben Erde oder Kung Dsi mehr: Wer kann da entscheiden? Man mag sich daher nach den Worten des Richters richten"

Ein Sprichwort aus Dschou sagt: "Durch Sitzen kann man den Bauer umbringen.' Morgens geht er hinaus, nachts kommt er zurück und er selber sieht darin die unabänderliche Naturordnung. Er löffelt seinen Bohnenbrei, ißt seine Kräuter und Wurzeln und hält diese für die feinsten Gerichte. Seine Muskeln sind rauh und dick; seine Sehnen und Gelenke sind verzogen und steif. Kann er auch nur einen Morgen lang in einem weichen Bett mit seidenen Vorhängen liegen und reicht man ihm feinen Reis mit Fleisch, Orchideen und Apfelsinen, so wird ihm übel zu Mut; sein Leib wird unruhig, er bekommt Fieber und wird krank. Wenn die Fürsten von Schang und Lu in dieselbe Lage wie ein Bauer gebracht würden, so könnten sie's auch keine Stunde lang aushalten, ohne zu ermatten. Deshalb ist den gemeinen Leuten in dem, durch was sie sich befriedigt fühlen und was sie für schön ansehen, auf der ganzen Welt niemand über. Es war einmal ein Bauer im Staate Sung, welcher grobe, hänfene Kleider trug, so daß er sich kaum durch den Winter brachte. Als der Frühling kam, ging er aufs Feld hinaus um zu arbeiten und wurde warm im Sonnenschein. Er wußte gar nicht daß es auf der Weltweite Hallen und warme Häuser, prächtige Kleider und Fuchsund Dachspelze gibt. Deshalb sagte er zu seinem Weib: "Wenn einem die Sonne auf den Rücken scheint wird man warm; das hat noch kein Mensch entdeckt. Das Mittel will ich unserem Herrn anbieten, dieser wird mich sicher reichlich dafür belohnen.' Ein reicher Mann in seinem Ort sprach da zu ihm: "Es war einmal ein Mann, dem schmeckten wilde Bohnen, und er hielt Nesselstengel, Sellerie und Wasserlinsen für vorzüglich und lobte sie vor den angesehenen Männern des Orts. Die angesehenen Männer nahmen davon und kosteten, es brannte sie aber im Mund und verursachte ihnen Leibgrimmen; alle lachten ihn aus und verachteten ihn, und er schämte sich gewaltig darob. Ihr seid wohl auch so einer von dem Schlag'

Yau wartete über dem Erdkreis fünfzig Jahre lang und wußte nicht ob der Erdkreis in Ordnung oder nicht in Ordnung sei, ob die Millionen sich ihm willig fügten oder nicht. Er wandte sich deshalb fragend an seine Umgebung. Diese wußte es nicht. Er fragte die von außen an seinen Hofe kamen, aber auch sie wußten es nicht. Er fragte die auf den Feldern, aber auch sie wußten es nicht. Da ging Yau in ärmlicher Kleidung auf Wanderschaft. In Kang Kü hörte er die Kinder ein Gassenlied singen: "Unsre vielen Volksgenossen Kommen ohne Arg zum Ziele. Ohne alles eigene Wissen Folgen sie des Herren Willen' Yau war erfreut und fragte: "Wer hat euch dieses Lied beigebracht?" Die Knaben antworteten: "Wir haben es vom Vogt gehört.' Er fragte den Vogt, der antwortete: "Das ist ein altes Lied." Yau kehrte heim zu seinem Schloß. Er rief den Schun und übergab ihm den Erdkreis. Schun weigerte sich nicht und nahm an.

Meister Liä Dsi sprach: "Die alten Weisen sahen das Lichte und das Finstere als Grundursache der Welt. Alles Körperliche aber entsteht aus Unkörperlichem; so muß auch die Welt diesen Ursprung haben. Deshalb sage ich: Es gibt eine Urwandlung, einen Uranfang, ein Urentstehen, eine Urschöpfung. Die Urwandlung ist der Zustand, worin die Kraft sich noch nicht äußert. Der Uranfang ist der Zustand, in dem die Kraft entsteht. Die Urentstehung ist der Zustand, in dem die Form entsteht. Die Urschöpfung ist der Zustand, in dem der Stoff entsteht. Den Zustand, wo Kraft und Stoff noch ungetrennt durcheinander sind, nennt man Dasein. Dasein bedeutet den Zustand, in dem die Dinge miteinander und durcheinander sind und noch kein gesondertes Fürsichsein haben. Sieht man darauf, so sieht man nichts, hört man danach, so hört man nichts verfolgt man es, so erhält man nichts; deshalb heißt es das Wandelbare. Als das Wandelbare hat es keine Schranke der Form. Das Wandelbare wechselt und wird Eins. Die Eins wechselt und wird Sieben. Die Sieben wechselt und wird Neun. Die Neun ist der Endpunkt des Wechsels. Sie wechselt aber noch einmal und wird wieder Eins. Diese Eins ist die Entstehung der wechselnden Formenwelt. Reines und Leichtes steigt empor und wird zum Himmel. Trübes und Schweres senkt sich herab und wird zur Erde. Das, von dem die einigende Kraft ausstrahlt, wird Mensch. Darum enthalten Himmel und Erde den Samen, aus dem alle Dinge durch Wandlung erzeugt werden'

Im Reich Gi lebte ein Mann, der fürchtete, daß Himmel und Erde untergehen könnten, und so für seine Person keine Stätte mehr sein würde. Er schlief und aß nicht mehr. Da war ein anderer Mann, der war besorgt über die Sorgen jenes Menschen. Er ging hin, ihn aufzuklären. Er sprach:"Der Himmel ist die Ansammlung der Luft. Es gibt keinen Raum ohne Luft. Zusammenziehen und Ausdehnen, Einatmen und Ausatmen wechselt täglich im Himmelsraum ab. Weshalb sollte man befürchten, daß er einfallen könnte?" Der andere sprach: "Wenn der Himmel die Ansammlung der Luft ist: Können dann aber nicht Sonne, Mond und Sterne herunterfallen?" Der Aufklärer sprach: Sonne, Mond und Sterne sind nur Lichterscheinungen in dieser Luftansammlung. Auch wenn sie herunterfallen: Dadurch kann niemand verletzt werden' " Der andere sprach: "Ja, aber was, wenn die Erde entzweigeht?" Der Aufklärer sprach: "Die Erde ist die Ansammlung der festen Teile, mit denen der ganze leere Raum ausgestopft ist. Es gibt keinen Raum ohne feste Teile. Täglich geht und tritt man stets auf ihr herum: Warum sollte man fürchten, daß sie entzweigeht?" Da ließ jener seine Sorgen und hatte große Freude, der Aufklärer ließ auch seine Sorgen und hatte auch große Freude. Der Gelehrte Dschang Lu hörte dies, machte sich über ihn lustig und sprach:"Regenbogen, Wolken und Nebel, Wind und Regen und die klimatischen Vorgänge sind die Bestandteile der Luft die in ihrer Zusammensetzung den Himmel bilden. Berge und Täler, Flüsse und Meere, Metalle und Gesteine, Feuer und Holz sind die Elemente der Form, die in ihrer Zusammensetzung die Erde bilden. Wenn man nun weiß, daß sowohl die Luft wie feste Masse etwas Zusammengesetztes ist, wie kann man dann noch meinen, daß das nicht zugrunde geht? Das, was wir Himmel und Erde nennen, ist nur ein winziges Teilchen im leeren Raum. Es ist jedoch unstrittig, daß diese Dinge, die größten innerhalb des uns bekannten Seins, nicht leicht zu Ende gehen und sich erschöpfen. Es ist ferner unstrittig, daß dies nicht leicht zu berechnen und erkennen ist. Das, worüber jener sich Sorgen machte, daß sie untergehen, liegt allerdings in weiter Ferne. Aber das, was der andere sagte, daß sie nicht untergehen, ist auch nicht richtig. Himmel und Erde werden unvermeidbar untergehen und sich in ihre Bestandteile auflösen, und wer gerade zur Zeit des Unterganges lebt der hat gewißlich Grund zur Sorge' Meister Liä Dsi hörte es und sprach lächelnd: "Wer behauptet daß Himmel und Erde untergehen, irrt; wer behauptet daß sie nicht untergehen, irrt ebenfalls. Ob sie untergehen oder nicht ist etwas, was wir nicht wissen können. Trotzdem behauptet der eine dies und der andere das. Das Leben versteht den Tod nicht und der Tod nicht das Leben. Die Zukunft versteht die Vergangenheit nicht und die Vergangenheit nicht die Zukunft. Warum also sollte ich mir darüber Gedanken machen, ob Himmel und Erde untergehen oder nicht untergehen?"

Am Anfang liebte es Meister Liä Dsi zu wandern. Hu Kiu Dsi sagte: "Du liebst zu wandern. Was ist am Wandern liebenswert?" Liä Dsi antwortete: "Die Lust des Wanderns ist daß man Zwecklosigkeit genießt. Die Menschen wandern, um zu schauen, was sie sehen; ich aber wandere, um den Wechsel zu schauen. Wandern und wandern: Es gab noch niemand, der das Wandern unterscheiden konnte ' " Hu Kiu Dsi sagte: "Dein Wandern gleicht wahrlich dem der andern, und doch behauptest du, daß es von dem der andern wahrlich verschieden sei. Aber bei allem, das man sieht sieht man ständig auch den Wechsel. Du genießt die Zwecklosigkeit der Außenwelt aber du hast jedoch die Zwecklosigkeit des eignen Ichs noch nicht erkannt. Wer auf das Außere beim Wandern achtet versteht nicht, aufs Innere zu achten. Der Wandrer, welcher nach außen schaut sucht die Vollkommenheit bei den Dingen. Wer nach innen schaut findet Genüge im eignen Selbst. Genüge im eignen Selbst zu finden, dies ist die höchste Stufe des Wanderns. Vollkommenheit bei den Dingen zu suchen, dies ist jedoch noch nicht die höchste Stufe des Wandems.' Darauf wollte Liä Dsi sein ganzes Leben lang nicht mehr hinaus und dachte bei sich selbst, daß er das Wandern nicht verstehe. Hu Kiu Dsi sagte:"Wandre zum höchsten Ziel! Wer dieses Ziel des Wanderns erreicht, weiß nicht mehr, wohin es geht; wer das Ziel des Schauens erreicht jener weiß nicht mehr, was er sieht. Er begegnet auf seiner Wanderschaft allen Dingen. Alle Dinge schaut er so. Dies ist es, was ich wandern nenne, dies ist es, was ich sehen nenne. Deshalb sage ich: Wandre zum höchsten Ziel! Wandre zum höchsten Ziel!"

Yang Dschu sagte: "Der Mensch ist das Ebenbild von Himmel und Erde und vereinigt in sich die Natur der fünf Elemente. Von allen Lebewesen hat der Mensch am meisten Vernunft und dennoch ist der Mensch so beschaffen, daß er sich nicht auf seine Nägel und Zähne zu seiner Verteidigung verlassen kann; denn Muskeln und Haut sind nicht stark genug, um Widerstand zu leisten; er kann nicht schnell genug laufen, um einem Schaden zu entgehen; er hat keine Haare oder Federn, um sich vor Kälte und Hitze zu schützen. Zu seiner Ernährung braucht er die Außenwelt; er muß dabei aber seinen Verstand benützen und kann sich nicht auf seine Kraft verlassen. Deshalb hält er seinen Verstand hoch, da ihm die Erhaltung des eignen Ichs wertvoll scheint und er die rohe Kraft gering schätzt da die Vergewaltigung der Dinge der Außenwelt minderwertig erscheint. Trotzdem haben wir unser Ich nicht in unserer Hand; einmal geboren, dann wächst es sich mit Notwendigkeit aus. Ebensowenig haben wir das Nicht-Ich in unserer Hand; haben wir es auch einmal besessen, geht es mit Notwendigkeit doch wieder verloren. Das Leben hängt jedoch vom Ich ab, aber die Ernährung hängt ebenso vom Nicht-Ich ab. Auch wenn unser Ich in voller Blüte des Lebens steht ist es doch nicht möglich, daß wir es in die Hand bekommen; auch wenn wir mit dem Nicht-Ich in Verbindung bleiben, ist es nicht möglich, daß wir es in die Hand bekommen. Wer das Nicht-Ich und sein eignes Ich in der Gewalt hätte, der könnte willkürlich über alles verfügen, was in der Welt Ich und Nicht-Ich ist; aber das könnte wohl nur ein Berufener. Wer sich mit jedem Ich und mit jedem Nicht-Ich in der Welt in eins setzen könnte, der wäre der vollkommene Mensch, - ja das ist die Vollkommenheit der Vollkommenheit'

Yang Dsi sprach: "Vier Gründe gibt es, daß die lebenden Menschen nicht zur Ruhe kommen: einer ist das lange Leben, der zweite ist Ruhm, der dritte ist Rang und Stand, und der vierte ist Besitz. Um dieser vier Dinge willen fürchten sie Geister, fürchten sie Menschen, fürchten sie Macht und fürchten sie Strafe. Die das tun sind Menschen, die nicht zur Besinnung kommen. Man kann sie töten, oder sie am Leben lassen: ihr Schicksal wird von außen bestimmt. Wer seinem Los nicht widerstrebt was braucht er hohes Alter begehren? Wer sich nicht um Ansehen kümmert, was braucht er Ruhm begehren? Wer nicht nach Macht trachtet was braucht er Rang und Stand begehren? Wer nicht nach Reichtum gierig ist was braucht er Besitz begehren? Die solches tun, sind mit sich selbst im reinen. Auf der ganzen Welt haben sie keinen Gegner; ihr Schicksal wird von innen bestimmt. Darum heißt ein Sprichwort: Leute ohne Ehr und Amt Sind nur zur halben Last verdammt schafft man Speis' und Kleidung ab, gräbt man der Staatsgewalt ihr Grab." Der Landmann nützt die Jahreszeiten; der Kaufmann strebt nach Gewinn; der Arbeiter sucht nach Kunstgriffen; der Beamte nützt seine Macht: darin äußert sich die Willenskraft. Dem Landmann wird jedoch Regen oder Trockenheit zuteil, dem Kaufmann Gewinn oder Verlust dem Beamten Erfolg oder Mißerfolg: darin äußert sich das Schicksal.

Schun fragte den Dscheng und sprach: "Kann man sich den Sinn des Weltgeschehens zu eigen machen?" Der sprach: "Nicht einmal dein Leib ist dein Eigentum, wie willst du dir da den Sinn zu eigen machen?" Schun sprach:"Wenn mein Leib nicht mein Eigentum ist, wessen Eigentum ist er denn dann?" Jener sprach:"Er ist die Form, die Himmel und Erde dir zugeteilt haben. Dein Leben ist nicht dein eigen, es ist das Gleichgewicht der Kräfte, das Himmel und Erde dir zugeteilt haben. Deine Natur und dein Schicksal sind nicht dein eigen, sie sind der Lauf, den Himmel und Erde dir zugeteilt haben. Deine Söhne und Enkel sind nicht dein eigen, sie sind die Überbleibsel, die Himmel und Erde dir zugeteilt haben. Darum: wir gehen und wissen nicht wohin, wir bleiben, und wissen nicht wo, wir essen und wissen nicht warum: das ist die starke Lebenskraft von Himmel und Erde: wer kann die sich zu eigen machen?"

Meister Yän sprach: "Wie schön dachten die Alten vom Tod: Die Guten bringt er zur Ruhe, die Schlechten bringt er zur Unterwerfung. Der Tod ist die Rückkehr des Wesens. Die Alten nannten so die Verstorbenen die Heimgegangenen. Wenn man von den Verstorbenen als von Heimgegangenen redet dann sind die Lebenden Wanderer. Wer wandert und nicht weiß wohin, ist heimatlos. Wenn ein einzelner Mensch seine Heimat verloren hat hält dies die ganze Mitwelt für unrecht. Da aber die ganze Welt ihre Heimat verlor, findet es niemand Unrecht. Wenn ein Mensch aus seiner Heimat läuft seine Verwandten verläßt sein Vermögen verpraßt in alle Himmelsrichtungen wandert und nicht heimkehrt wahrlich: was ist dies für ein Mensch! Die Welt hält ihn sicher für einen Verlorenen. Da ist ein anderer Mensch, der das äußere Leben wichtig nimmt geschickt sich einen Namen macht großartig in der Welt auftritt und keine Grenzen kennt wahrlich: was ist auch der für ein Mensch! Aber die Welt hält ihn sicher für einen weisen und klugen Herrn. Beide sind jedoch Verlorene. Doch die Welt billigt den einen und verwirft den anderen, und nur der Berufene weiß, was zu billigen und was zu verwerfen ist'

Hundert Jahre beträgt ungefähr ein langes Leben, aber nicht einer unter tausend erreicht dieses Alter. Angenommen, es gäbe einen solchen, dann nimmt die Zeit von der unentwickelten Kindheit bis zum geistesschwaeben Alter ungefähr die Hälfte davon ein. Die Zeit welche man nachts schlafend verbringt und welche man tagsüber wachend vergeudet beträgt wieder ungefähr die Hälfte des Restes. Schmerz, Krankheit, Jammer und Elend, Verluste, Kummer und Angst machen weiter die Hälfte der übrigen Zeit aus. Man kann annehmen, daß nur etwas über zehn Jahre übrig bleiben, die der Mensch frei genießen kann, aber er hat keine einzige Stunde, in der er frei von jeder Sorge wäre. Durch Strafen und Belohnungen werden die Menschen gehemmt und angefeuert durch Ruhm und Gesetze angetrieben und zurückgehalten, so daß sie in beständiger Erregung sind. Indem sie sich um den eiteln Ruhm einer Stunde abmühen und für den Glanz, der ihren Tod überdauern soll, Sorge tragen, gehen sie einsam ihres Weges. Eifrig achten sie auf das, was Augen und Ohren sehen und hören, und prüfen genau, was ihrem Körper und ihrem Geiste zuträglich ist. Dabei aber verlieren sie die glücklichsten Augenblicke der Gegenwart und vermögen sich nicht einmal für eine Stunde frei ihren Gefühlen hinzugeben. Wie unterscheiden sie sich von kettenbeladenen Sträflingen?

Dsi Gung war des Lernens müde und sagte zu Kung Kiu:"lch möchte Ruhe finden.' Kung Kiu sprach:"Das Leben hat keine Ruhe" Dsi Gung fragte: "Dann gibt es also für mich keine Ruhe?" Kung Kiu antwortete: "0 doch; sieh dort im Brachfeld alle Gräber, dann weißt du, wo es Ruhe gibt" Dsi Gung sprach: "Wahrlich, groß ist der Tod; die Edle'n bringt er zur Ruhe, die Gemeinen zur Unterwerfung.' Kung Kiu sprach: "Dsi, du hast es erkannt. Die Menschen im allgemeinen wissen nur, daß das Leben eine Freude ist nicht aber, daß es auch bitter ist. Sie wissen nur, daß das Alter hinfällig ist nicht aber, daß.es auch friedlich ist. Sie wissen nur, daß der Tod ein Übel ist nicht aber, daß er auch Ruhe gibt'

Herzog Ging von Tsi wanderte auf dem Kuhberg. Als er sich von Norden aus der Hauptstadt seines Landes näherte, vergoß er Tränen und rief: "Wie schön du bist oh Land! So üppig, so prächtig, so glitzernd im Tau! Muß ich dieses Land verlassen und sterben? Oh, gäbe es doch keinen Tod in der Welt! Wenn ich von hier scheide, wohin werde ich kommen?" Der Geschichtsschreiber Kung und Liang Kiu Gü taten es wie er und sprachen schluchzend: "Wir hängen von des Fürsten Gnade ab, unsere Speise ist einfaches Gemüse und geringes Fleisch. Wir fahren mit alten Gäulen und Rumpelwagen und möchten doch nicht sterben. Wieviel mehr hat da erst unser Fürst!" Nur Meister Yän lächelte. Der Herzog wischte sich die Tränen ab, wandte sich an Meister Yän und sprach: "Der Spaziergang hat Uns traurig gemacht Kung und Gü haben es Uns nachgetan und etwas geweint. Warum lachst du allein?" Meister Yän antwortete: "Wenn die Würdigen ewig dauern würden, dann wäre der Große Herzog und der Herzog Huan ewig am Leben geblieben. Wenn die Mutigen ewig dauern würden, dann wären die Herzöge Dschuang und Ling ewig am Leben geblieben. Wenn nun alle diese Fürsten heute noch leben würden, dann könnten Eure Hoheit im Schilfmantel und Strohhut auf den Feldern stehen. In diesem mitleidswerten Zustand hättet Ihr keine Muße, ans Sterben zu denken, und wie wäre es dann Oberhaupt möglich, daß Eure Hoheit auf den Thron gekommen wären? Dadurch, daß in beständigem Wechsel jeder weilte und wieder ging, kam die Reihe an Eure Hoheit. Darüber aber nun Tränen zu vergießen, ist keine wahre Seelengröße. Ich habe einen Fürsten ohne wahre Seelengröße und Diener gesehen, die ihm schmeichelnd nach dem Munde redeten. Als ich dies beides sah, da habe ich mir erlaubt heimlich für mich zu lächeln' Der Herzog Ging schämte sich. Er erhob den Becher sich selbst zur Strafe, und er bestrafte seine beiden Diener, jeden mit zwei Bechern Wein.

Unter den Leuten von We lebte ein Mann namens Wu vom Osttor. Als sein Sohn starb, wurde er nicht traurig. Da sagte sein Hausverwalter zu ihm: "Auf der ganzen Welt gibt es keinen Menschen, der seinen Sohn so liebt wie Ihr. Nun da Euer Sohn gestorben ist seid Ihr gar nicht traurig?" Wu vom Osttor sprach: "Es gab eine Zeit wo ich immer ohne Sohn war, und in jener Zeit wo ich noch keinen Sohn hatte, war ich auch nicht traurig. Nun da mein Sohn gestorben ist ist es wieder ebenso wie früher, als ich noch keinen Sohn hatte. Warum sollte ich also traurig sein?"

Meister Liä Dsi sprach: "Himmel und Erde sind nicht vollkommen, der berufene Mensch ist nicht allmächtig, die Geschöpfe sind durchaus nicht verwendbar. Die Funktion des Himmels ist es, zu zeugen und zu schirmen, die Funktion der Erde ist es, zu gestalten und zu tragen, die Funktion des Berufenen ist es, zu lehren und umzugestalten, die Funktion der Geschöpfe ist es, ihrer Art zu entsprechen. Nun gibt es aber Beziehungen, in denen der Himmel der Erde gegenüber im Rückstand ist und in denen der Berufene den Geschöpfen gegenüber begrenzt ist. Wodurch kommt das? Das Zeugend-Schirmende kann nicht gestaltend tragen, das Gestaltend-Tragende kann nicht belehrend umgestalten. Der Belehrend-Umgestaltende kann nicht wider die Natur der Dinge. Das Naturgesetzlich-Bestimmte bleibt in seiner Stellung. Deshalb ist der Lauf der Welt beschränkt auf den Wechsel von Licht und Finsternis, deshalb ist die Lehre des Berufenen beschränkt auf Liebe und Pflicht deshalb ist die Art der Geschöpfe beschränkt auf Weichheit und Härte. Jedes folgt seiner Art und kann nicht über seine Stellung hinaus. Nun gibt es aber außer dem Vorgang des Zeugens noch etwas, wodurch das Zeugen zum Zeugen wird; es gibt außer dem Vorgang des Gestaltens noch etwas, wodurch das Gestalten zum Gestalten wird; es gibt außer dem Vorgang des Tönens noch etwas, wodurch das Tönen zum Tönen wird; es gibt außer dem Vorgang der Farbenentstehung noch etwas, wodurch die Farbe zur Farbe wird; und es gibt außer dem Vorgang der Geschmackserzeugung noch etwas, wodurch der Geschmack zum Geschmack wird. Das was durch das Zeugen erzeugt wird, ist Tod; aber das was durch Zeugen zum Zeugen wird, hat noch nie ein Ende gefunden. Was durch das Gestalten gestaltet wird, ist Masse; aber das, was durch Gestalten zum Gestalten wird, ist noch nie ins Dasein getreten. Das was durch das Tönen erzeugt wird, das sind Gehörsempfindungen; aber das was durch Tönen zum Tönen wird, ist noch nie herausgekommen. Das was durch die Farben erzeugt wird, das sind bunte Gesichtseindrücke; aber das, was durch Farbe zur Farbe wird, ist noch nie sichtbar geworden. Das was durch Schmecken geschmeckt wird, sind Geschmacksempfindungen; aber das, was durch das Schmecken zum Schmecken wird, hat sich noch niemals dargeboten. Das sind alles die Wirkungen des Nichtseienden. Es kann in sich die Gegensätze vereinen: das Trübe und Lichte, das Weiche und Harte, das Kurze und Lange, das Runde und Eckige, Leben, Tod, Hitze und Kälte, Schwimmen und Untergehen, Grundton und Sekunde, Erscheinen und Verschwinden, Dunkles und Helles, Süßes und Bitteres, Übelriechen und Duften: Es besitzt weder Wissen noch Können und doch ist es allwissend und allmächtig.'

Lung Schu wandte sich an Wen Dschi und fragte:",Eure Kunst ist groß. Ich habe eine Krankheit könnt Ihr sie heilen?" Wen Dschi antwortete: "Ich stehe zu Eurer Verfügung. Doch sagt mir zuerst die Zeichen Eurer Krankheit' Lung Schu sagte: "Das Lob meiner Mitbürger bedeutet für mich keine Ehre. Der Tadel meiner Landsleute bedeutet mir keine Schande. Gewinn freut mich nicht. Verlust betrübt mich nicht. Leben und Tod sind mir eins. Reichtum und Armut ist mir gleich. Die Menschen sind für mich nichts mehr als Schweine, ich bin nicht mehr wert als andre. Ich lebe in meiner Heimat wie in einer Herberge auf der Wanderschaft. Mein Vaterland ist für mich wie ein fremdes Land. Unter diesem allem leide ich. Titel und Lohn ist mir kein Ansporn. Strafen und Bußen schrecken mich nicht ab. Wohlergehen und Verfall, Gewinn und Schaden verändern mich nicht. Freude und Trauer wandeln mich nicht. Deshalb bin ich nicht zum Fürstendienst geeignet weder zum Verkehr mit Verwandten und Freunden, noch zum Walten über Weib und Kind, zum Herrschen über Diener und Knechte. Wie heißt diese Krankheit und wodurch kann sie geheilt werden?" Wen Dschi ließ Lung Schu mit dem Rücken zum Licht stehen. Er sah ihn vom Innern gegen das Licht an. Darauf sagte er: "Ei, ich sehe Euer.Herz; seine Stelle ist ganz leer. Fast ein Heiliger! Sechs Offnungen Eures Herzens münden ins All, und nur eine Öffnung geht nicht durch. Heute hält man heilige Weisheit für eine Krankheit. Dies mag es wohl sein. Dies ist aber nicht etwas, was meine geringe Kunst zu heilen vermag'

Im Reich Dschou lebte einst ein Mann namens Yin, welcher über große Güter wartete. Seine Diener und Knechte hatten bei Tag und Nacht keine Ruhe. Er hatte einen alten Knecht welcher schwach und gebrechlich war; diesen ließ er um so mehr sich anstrengen. Bei Tage verrichtete der Knecht keuchend seine Arbeit. Am Abend war er erschöpft und schlief fest. Sein Geist wurde frei, und er träumte jede Nacht er wäre ein König und herrsche über viele Untertanen. Die Geschäfte des ganzen Reiches lagen in seiner Hand. Er lustwandelte in Palästen und Galerien und genoß, was sein Herz begehrte. Seine Wonne war unvergleichlich. Wenn er aufwachte, war er wieder Knecht. Als ihn einmal jemand wegen seines Mühsals bemitleidete, sagte der alte Knecht: "Auch wenn der Mensch hundert Jahre lebt so sind sie doch alle in Tag und Nacht geteilt. Bei Tag bin ich ein Sklave. Wenn es Mühe ist gut dann ist es Mühe. Bei Nacht bin ich König, dessen Wonnen unvergleichbar sind. Was soll ich da klagen?" Herr Yin aber hatte in seinem Herzen viel Arbeit mit weltlichen Geschäften und viele Sorgen, um seinen Besitz zu vermehren. So wurde er müde an Seele und Leib. Nachts war er erschöpft und schlief ein. Er träumte jede Nacht er sei ein Knecht welcher herumlaufen und jeden Dienst verrichten müßte. Scheltworte und Stockstreiche gab es: nichts wurde ihm erspart. Er stöhnte und keuchte im Schlafe, und erst wenn der Morgen nahte, kam er zur Ruhe. Als Herr Yin einmal einen Freund über sein Leiden befragte, antwortete der Freund: "Deine Stellung gibt dir genug Ehren; Schätze und Reichtum hast du im Überfluß. Du bist weit besser dran, als andre Menschen. Wenn du bei Nacht träumst du wärest ein Knecht dann entspricht das der allgemeinen Erfahrung, daß Freud und Leid sich der Bestimmung nach abwechseln. Du könntest es im Wachen und Schlafen gleich gut haben; aber das wird niemandem zuteil' Herr Yin hörte die Rede seines Freundes. Er erleichterte die Arbeit seines Knechts und verringerte die Geschäfte, welche im Sorgen machten. So wurde seine Krankheit etwas besser.

Yang Dschu sagte:"Bequeme Wohnungen, schöne Kleider, feine Speisen und schöne Frauen: Wer diese Dinge hat muß der noch mehr begehren? Wer sie hat und noch mehr begehrt, der ist unersättlich; eine unersättliche Natur ist jedoch wie eine Made im Haushalt der Welt. Pflichttreue ist keineswegs ausreichend, wenn man dem Herrn, dem man dient Ruhe verschafft; sie ist jedoch völlig ausreichend, das eigne Ich in Gefahr zu bringen. Uneigennützigkeit reicht keineswegs aus, den Mitinenschen zu nützen; sie ist jedoch völlig ausreichend, das eigne Leben zu schädigen. Erst wenn die Oberen Ruhe finden, ohne auf Pflichttreue angewiesen zu sein, dann verblaßt der Ruhm der Pflichttreue; erst wenn die Mitmenschen ihren Nutzen finden, ohne auf ihre gegenseitige Uneigennützigkeit angewiesen zu sein, dann hört der Ruhm der Uneigennützigkeit auf. Daß Fürsten und Untertanen die Mitwelt und das eigne Ich miteinander Ruhe finden: das war der Sinn des Altertums'

Meister Yü sagte: "Die, die den Namen ablegen, haben keine Sorgen.' Lau Dan sprach: "Der Name ist der Gast der Wirklichkeit" Weit und breit rennt aber alles unaufhörlich dem Namen hinterher. Den Namen darf manjedoch nicht ablegen; den Namen darf man jedoch nicht nur als Gast betrachten, denn wer heute einen Namen ha4 dieser ist geehrt und herrlich; wer keinen Namen hat jener ist niedrig und verachtet. Wer geehrtund herrlich ist hat Freude und Wonne; wer niedrig und verachtet ist hat Kummer und Bitternis. Kummer und Bitternis widerstreben der Natur; Freude und Wonne entsprechen der Natun Dies sind sehr wirkliche Zusammenhänge. Warum also den Namen ablegen? Warum also den Namen als Gast behandeln? Man hasse es jedoch den Namen festzuhalten und damit die Wirklichkeit zu beeinflussen. Wer den Namen festhält und damit die Wirklichkeit beeinflußt wird einst darüber klagen, daß er sich unrettbar in Gefahr und Verderben gestürzt. Wahrlich, man verharre nicht untätig, unentschieden zwischen Freude und Wonne und Kummer und Bitternis.

Yang Tschu sagte: "Be Tscheng Dsi Gau gab nicht ein Haar, um der Außenwelt zu nützen. Er ließ sein Reich im Stich und pflügte in Verborgenheit sein Feld. Der Große Yü gab sein ganzes Ich hin, ohne sich zu nützen. Sein ganzer Leib verrunzelte davon. Die Menschen des Altertums gaben kein Haar, auch wenn sie damit der ganzen Welt hätten nützen können. Umgekehrt wenn alle in der Welt ihnen huldigen wollten, nahmen sie es nicht an. Kein einziger gab ein Haar, kein einziger nützte die Gesamtheit und die Gesamtheit war in Ordnung' ' Meister Kin fragte Yang Dschu:"Würdet Ihr auf ein einziges Härchen Eures Leibes verzichten, wenn Ihr damit der ganzen Welt aufhellen könnten?" Meister Yang antwortete: "Der Welt kann unmöglich mit einem Haar geholfen werden.' Meister Kin fragte: "Nehmen wir an, es wäre so: würdet ihr es tun?" Meister Yang antwortete nicht. Meister Kin entfernte sich und redete mit Meng Sun Yang darüber. Meng Sun Yang sagte: "Ihr versteht den Sinn des Meisters nicht. Darf ich es erklären? Würdet Ihr bereit sein, Euch die Haut ritzen zu lassen, wenn Ihr zehntausend Goldstücke dafür bekommen würdet?" Er antwortete: "Ich würde es tun" Meng Sun Yang fragte: "Würdet Ihr bereit sein, Euch ein Glied abhacken zu lassen, wenn Ihr ein Königreich dafür bekommen würdet?" Meister Kin sagte nichts. Nach einer Weile sagte Meng Sun Yang: "Ein Haar ist weniger als Haut Haut ist weniger als ein Glied, dies ist klar. Aber es handelt sich in dem Verhältnis von Haar und Haut von Haut und Gliedern nur um ein Weniger oder Mehr. Ein Haar freilich ist nur der zehntausendste Teil des ganzen Leibes, warum aber soll man auch nur diesen einen Teil gering achten?" Meister Kin sagte: "Ich kann Euch nichts erwidem. Die Sache jedoch steht so, wenn man Eure Worte Lau Dan und Guan Yin vorlegt die würden Euch recht geben, wenn man aber meine Worte Mo Di und dem Großen Yü vorlegte, die würden mir recht geben.' Meng Sun Yang wandte sich daraufhin an seine Jünger und redete von anderen Dingen.

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