Anekdoten und Briefe 1/2
zur Sparsamkeit und Bescheidenheit

Glück der Genügsamkeit

SOKRATES (469 bis 399 v. Chr.) sah einmal mit einer Gruppe von Schülern zu, wie ungeheure Mengen der verschiedensten Waren, die die Schiffe herzugetragen hatten, vom Hafen Piräus nach Athen abtransportiert wurden, um dort den kauflustigen und anspruchsvollen Bürgern angeboten zu werden; da meinte er, vergnüglich mit der Hand den langen Bart herabstreichend: "Wie viele Dinge gibt es doch auf unserer bunten Welt, die ich nicht brauche!"

Ein königliches Geschenk

ALS DER JUNGE KÖNIG ALEXANDER VON MAZEDONIEN, noch nicht "der Große", Griechenland unterworfen hatte, besuchte er den Philosophen Diogenes (403 bis 323 v. Chr.), von dem er manches Schnurrige gehört hatte. Er traf ihn am Strande von Korinth, wie er sich vor seiner Tonne, die ihm als Wohnung diente, wohlig sonnte. Die Unterhaltung, bei der Diogenes ruhig in seiner liegenden Stellung verharrte, ergötzte den davor stehenden König, und so bot er, ehe er sich zum Fortgehen wandte, dem "Gastgeber" an: "Wünsche dir eine Gnade, sie soll dir erfüllt sein." "Nun denn", schmunzelte Diogenes und machte mit der Hand eine entsprechende Scheuchebewegung, "wenn ich bitten darf, König, so geh mir ein wenig aus der Sonne!" Während die Umgebung Alexanders in lautes Lachen ausbrach, blieb dieser selbst ernst, und den rasch wieder verstummten Herren versicherte er: "Wahrhaftig, wenn ich nicht Alexander wäre, so wollte ich wohl Diogenes sein!"

Gerettete Kostbarkeit

IM JAHRE 307 V. CHR. eroberte der mazedonische Feldherr Demetrios das kleine griechische Städtchen Megara und ließ es nach damaligem Brauch von seinen Soldaten plündern. Da fiel ihm ein, daß in dem Orte der von ihm hochgeschätzte Philosoph Stilpon wohnte. Er gab Befehl, ihn zu suchen und herbeizuführen. Dann redete er ihn gnädig an: "Erzähle mir, lieber Freund, was dir bei der Plünderung an Kostbarkeiten abhanden gekommen ist; ich möchte es dir wiederbeschaffen oder ersetzen." Der Philosoph griff wie erschrocken mit beiden Händen hastig nach seinem kahlen Schädel, dann erwiderte er, glücklich aufatmend: "Ich hab' ihn ja noch, Zeus sei Dank, - meinen Kopf! - Sonst, gnädiger Herr, hatte ich nichts von Wert zu verlieren!"

Unbestechlich

EINES TAGES erschienen Gesandte der Samniten bei Manius Curius (gest. 270 v. Chr.), um ihn mit einer größeren Geldsumme zu bestechen. Ohne sie weiter zu beachten, kochte Curius ein Rübengericht zu Ende und machte sich mit sichtlichem Behagen über sein karges Mahl her. Dann begann er zwischen zwei Bissen: "Ihr werdet selbst den Eindruck haben, daß ein Mann, dem ein solches Mahl genügt, kein Gold braucht. Meldet deshalb den Samniten, Manius Curius würde lieber über Reiche herrschen, als selber reich sein, und vergeßt nie, daß ich ebensowenig durch Gold wie durch Waffen zu besiegen bin."

Tradition

DER CENSOR FABRICIUS LUSCINUS (um 278 v. Chr.) stieß den Cornelius Rufinus, der die Diktatur und mehrere Male das Consulat mit den größten Ehren bekleidet hatte, mit Schimpf und Schande aus dem Senat, weil er sich silberne Tafelgeschirre angeschafft hatte. "Wir wollen nie vergessen", schloß er seine Rede, "daß Rom durch die Bescheidenheit unserer Väter groß geworden ist."

Der Kümmelspalter

DIE REGIERUNGSZEIT des altrömischen Kaisers Antonius Pius (86 bis 161 n. Chr.) erschien den nachfolgenden Generationen als das "goldene Zeitalter", nicht zuletzt deswegen, weil bei Frieden und Wohlstand die peinlichste Ordnung in der Verwaltung bestand. Der Kaiser hielt auf genaueste Erledigung jeder Arbeit und war darin selbst unermüdlich. Mit anerkennendem Lächeln sprach man von ihm als dem "Kümmelspalter", dem nichts so klein und unwichtig erschien, daß man es nicht beachten und betrachten müßte. Er wußte um seinen Beinamen, und als es wieder mal um eine unbedeutende Ausgabe ging, die er nachprüfte, meinte er schmunzelnd: "Besser noch hieße ich vielleicht der Pfennigspalter'. Denn ich bemühe mich darum - und jeder sollte es mir gleichtun -, bei allen Ausgaben zu prüfen, ob nicht noch der Pfennig zum Wohle des Landes geteilt und ihm zur Hälfte erhalten werden kann."

Splendid

ALS FRIEDRICH WILHELM I. VON PREUSSEN (bis 1740) die Regierung übernahm, fand er trostlose Geldverhältnisse vor, durch die Prunksucht seines Vaters verschuldet. Mit eiserner Sparsamkeit erzwang er die Wendung zum Besseren. Nachdem die ersten Sparmaßnahmen sich als fruchtbar erwiesen hatten, sprach er eines Tages aufatmend zu seinem Finanzminister Creuz: "Wenn erst einmal all die Schulden bezahlt und dann noch zwei Millionen Taler erübrigt sind, dann wollen wir auch mal splendid leben und alles großzügiger anfassen!" Die Jahre vergingen, und in den Gewölben des Berliner Schlosses hatten sich mehr als 2 Millionen Taler angesammelt, und Schulden gab es schon lange nicht mehr. Da erinnerte Creuz den Fürsten, als er ihn eines Tages in besonders guter Laune fand, an die Äußerung aus böser Zeit. Friedrich Wilhelm zog ein saures Gesicht und erwiderte: "Recht hat Er wohl, lieber Creuz, und was ich gesagt, wird getan. Also komme Er heute in das Tabakkollegium; da soll es besseren Tabak als sonst geben, und das Bier soll auch etwas mehr kosten. Wir wollen mal splendid leben, wie ich es versprochen habe. - Aber morgen stelle Er mir dann einen Plan auf, wie wir von nun an noch mehr sparen können; wir wollen von nun alles großzügiger anfassen, nicht zuletzt das Sparen!"

Sparsamkeit erfreut

ALS DAS GEWALTIGE PRUNKSCHLOSS von Versailles im Bau war, stand eines Tages Ludwig XIV. mit großem Gefolge auf dem weiten, wimmelnden Platz, um sich am Wachsen seines Unternehmens zu erfreuen. In seiner Begleitung befand sich auch seine Schwägerin, die deutschgebürtige Liselotte von der Pfalz (1652 bis 1722). In scheuem Schweigen vor der Majestät des gefürchteten "Sonnenkönigs" verrichteten die Leute ihre Arbeit. Selbstbewußt redete Ludwig seine Schwägerin an: "Ist das nicht ein Prachtstück, was ich mir da leiste? So was gibt es bei Ihrem sparsamen Herrn Vater in Heidelberg natürlich nicht! Der läßt höchstens die Löcher auf dem alten Schloßdach flicken." "Mag sein, Sire", antwortete die stets schlagfertige Pfälzerin, "aber unsere Dachflicker freuen sich über solchen sparsamen Landesherrn und pfeifen und singen bei der Arbeit!"

Das Maß beim Trinken

EIN WIENER EDELMANN, als übermäßiger Weinzecher bekannt, suchte sich am Kanzelredner und Hofprediger Abraham a Santa Clara (1644 bis 1709) zu reiben: "Lieber Herr Kuttenträger, wieviel zu trinken ist mir eigentlich erlaubt?" "Laßt das Maß des Ochsen für Euch gelten!" meinte der Pater. Beleidigt und verwundert zugleich lachte jener: „Oho! Da bin ich ja wohl noch ein zahmer Vogel und bleibe dem Herrn Prediger etwas schuldig?" Abraham aber erläuterte: "Der Ochse säuft nämlich nur, solange er Durst hat. Ist dem natürlichen Bedürfnis genug getan, so bringen ihn weder Schläge noch Schelten dazu, weiter zu saufen. Und darin, Freund, lerne der Mensch vom Ochsen das Maßhalten!"

Befohlene Sparsamkeit

ALS DER PPEUSSISCHE GESANDTE in London darum einkam, wie die Gesandten anderer Mächte vierspännig zu Hofe fahren zu dürfen, schrieb ihm Friedrich der Große zurück: "Geh Er nur ruhig weiter zu Fuß, denk Er daran: hinter ihm marschieren 2ooooo Männer!"

Auch eine Selbstbescheidung

KAISER KARL Vl. (1711 bis 1740), der Vater Maria Theresias, war ein leidenschaftlicher und auch glücklicher "Nimrod vor dem Herrn". Sein Vertrauter war ein Graf T.; er begleitete ihn regelmäßig zur Gamspirsch und durfte sich gelegentlich einen Scherz erlauben. Als der Kaiser einmal ein kapitales Tier weidgerecht erlegt hatte, meinte er zu ihm: ,Dös war a Meisterschuß! Schad', daß Majestät nit is a jager g'word'n!" "Schon gut", lächelte Karl, "bin bescheiden, hob a so z'leb'n".

Die Mode

NACHDEM DER KAISERIN MARIA THERESIA mehrmals vertraulich berichtet worden war, daß ihre Tochter Marie Antoinette, die unglückliche Gemahlin Ludwigs XVI., den kostspieligen Pariser Modetorheiten allzu verschwenderisch huldigen schrieb sie ihr einen mütterlich-deutlichen Brief, der mit den weisen Worten schloß: "Man dient nicht, man bedient sieh der Mode!"

Das Rezept

THEODOR STORM (1817 bis 1888) hatte es wirtschaftlich nicht eben leicht. Sein Amtsrichtergehalt mußte für Frau und sieben Kinder ausreichen. Daher fragte ihn ein Kollege einmal verwundert, wie er solch Meisterstück fertigbrächte. Storm antwortete: "Dahinter steckt ein Geheimnis: man muß jeden Taler, ehe man ihn ausgibt, dreimal umdrehen, und dann - erst noch ein paarmal wieder einstecken."

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut

GOETHE (I749 bis 1832) ließ in den sogenannten "Gartenhausjahren" sehr sparsam wirtschaften. Als ihn Frau von Stein deswegen einmal ansprach, da er doch über ein ansehnliches Einkommen verfügte, bemerkte er ernst: "Ich bitte Gott, daß er mich täglich haushälterischer werden läßt, um desto freigebiger sein zu können."

Platonisch

DER KÖNIGSBERGER PHILOSOPH IMMANUEL KANT (1724 bis 1804) saß an der Tafel neben einer Dame, von der er wußte, daß sie für ihre Garderobe weit über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse ausgab; Mann und Kinder mußten darunter leiden. Als man eine Weile gesellschaftlich - leicht über die großen griechischen Philosophen diskutiert hatte, hob Kant in einer Pause lächelnd sein Glas und wandte sieh zur Nachbarin: "Sie sind sicher doch auch eine große Verehrerin des einmaligen Plato?" "Allerdings!" antwortete die Dame geschmeichelt, "aber wie kommen Sie darauf?" "Nun, meine Liebe, ich habe gehört, daß Sie offenbar nach dem Grundsatz dieses auch von mir verehrten Mannes leben: erst der Staat, dann die Familie . . ."

Das Geheimnis

ERNST ABBE (184o bis 1905), der Mitbegründer der Zeiss-Werke, war von 1863 bis 1870 Privatdozent für Naturwissenschaften in Jena. Das waren "sieben magere Jahre". Gehalt bezog er nicht, und als Sohn eines Spinners hatte er natürlich an der Familie keinen finanziellen Rückhalt. Geringe Kolleggelder und die kärglichen Einnahmen aus Artikelschreiben und Privatunterricht aber genügten dem "Lebenskünstler", sich über Wasser zu halten. Einmal wunderte sich ein Professor im Gespräch mit dem Universitätskurator Seebeck: "Wovon lebt dieser Kollege Abbe eigentlich? Dahinter muß doch irgendein Geheimnis stecken!" Seebeck, der Abbes Verhältnisse genau kannte und ihm hin und wieder ein kleines Stipendium zuzuschanzen verstand, erwiderte in einem Ton, der vor Hochachtung schwang: "Herr Abbe besitzt die wertvolle Eigenschaft, daß er bei noch so beschränkten Existenzmitteln noch beschränktere Bedürfnisse hat. Studenten, die ihn aus Besuchen kennen, haben ihm den Titel verliehen: Privatdozent für Diogenesweisheit."

Almosen

IWAN SERGEJEWITSCH TURGFNTEW (1818 bis 1883), der russische Dichter mit dem tieffühlenden Herzen, wurde auf der Straße von einem Bettler um ein Almosen angesprochen. Als er seine Taschen gründlich, aber ohne Erfolg durchsucht hatte, entschuldigte er sich betrübt: "Brüderchen, ich habe wirklich nichts bei mir; somit kann ich dir leider nichts geben!" "Aber ich danke dir von Herzen, mein Bruder!" bedankte sieh der Bettler. "Wofür denn?" staunte Turgenjew, "hast doch von mir gar nichts gekriegt?" "0 doch, Bruder! Deine Gabe war reich und schön, du hast mir ehrlich helfen wollen!"

Der billige Photoapparat

DER MANN, der im Jahre 1886 das erste Auto laufen ließ, der Ingenieur Carl Benz (I844 bis 1929), mußte sich als Student am Karlsruher Polytechnikum schlecht und recht "durchwürgen", wie es in der Fachsprache heißt; denn sein Vater war als Lokomotivführer sehr jung gestorben, und die Mutter konnte ihm von der kargen Pension nur Taler, die sie sich im wahrsten Sinne vom Munde abgespart hatte, zur Verfügung stellen. Dennoch waren die Taschen des Studiosus Carl niemals ganz leer, und er war immer vergnügt, weil er schon früh ein großer Lebenskünstler war. Als ihn zwei Freunde einmal auf seiner "Bude" besuchten, wollten sie ihren Augen nicht trauen: schon immer schwärmte Carl vom Photographieren, und nun, wahrhaftig, da stand auf seinem sauber hergerichteten Tisch wie das Prunkstück in einer Ausstellung, von Blumen umgeben, ein neuer großer Apparat! "Menschenskind, Carl, wie kommst du dazu? Ist ein Erbonkel in Amerika gestorben? Kostet doch ein Vermögen, solch Stück?" "Ach was!" lachte Benz stolz und wehrte den beiden, daß sie die "Camera obscura" nicht ungeschickt anfassen sollten, "hat ja doch nur Groschen gekostet!" "Du willst uns wohl verulken? Da such dir andere aus!" Mit verlegenem Lächeln standen sie da. "Aber nicht doch! Tatsächlich nur Groschen! Ich habe nämlich solch kleine Dinger, wie ihr sie verraucht und vertrinkt, ein Jahr lang zusammengespart!"

Blick in die Zukunft

EINES ABENDS plauderte der Dichter August Strindberg (1849 bis 1912) Mit einigen Freunden in einer Weinstube. Es war nicht mehr das erste Glas, und doch wurde er plötzlich ernst, zog seine Geldbörse hervor, öffnete sie und starrte lange und nachdenklich hinein. "Was hast du denn?" fragten endlich die Freunde. "lch sehe nur nach, ob ich noch Durst habe!"

Nütze die Zeit

"ZEIT" ist im alltäglichen Sinne ein Begriff, dessen sehr relativer Wert von dem Verhältnis abhängt, das der einzelne Mensch zu ihr hat: der eine vertrödelt sie am liebsten, die meisten wissen mit ihr nur unter bestimmten Umständen etwas anzufangen, manche aber münzen jeden Augenblick aus. Dem Relativitätsmeister Albert Einstein (1879 bis 1955) galt die Zeit als unbedingt praktischer Wert. Während der Berliner Jahre erhielt er den Besuch eines Kollegen aus Prag, der gern mit ihm zusammen das Potsdamer Observatorium besichtigen wollte. Einstein schlug vor, man wolle sich auf einer Brücke in der Havelresidenz treffen. "Aber für Pünktlichkeit kann ich nicht garantieren, denn ich bin mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertraut", wandte der Gast ein. "Mir täte es recht leid, wenn Sie Ihre kostbare Zeit mit Warten verlieren sollten!" "Zeit verlieren? Warum?!" Einstein schüttelte lächelnd den struppigen Kopf: "Meine Arbeit besteht im Denken; und kann ich auf der Potsdamer Brücke nicht genau so gut nachdenken wie zu Hause? Also lassen wir es dabei!"

Schöne Aussichten

EIN SCHWÄBISCHER PFARRER, saß auf einer ärmlichen Dienststelle. Die Gemeinde war wenig zahlreich und setzte sich in der Hauptsache aus kleinen Obstbauern zusammen. Aber die Dienstwohnung hatte eine geradezu wundervolle Lage. Frei auf einem kleinen Hügel erbaut, bot sie von großen Fenstern nach zwei Seiten eine überraschend schöne Aussieht über die wenige Ebene hinweg bis hin zu fernen Bergen. Dieser Pfarrer wurde einmal von höherer Stelle revidiert. Als die Amtsgeschäfte erledigt waren, nahm der hohe Herr in der Dienstwohnung eine kleine Stärkung. Dabei bemerkte er den herrlichen Ausblick. Nachdem er sich darüber recht anerkennend ausgesprochen hatte, fragte er: "Und was bringt die Stelle Ihnen an Einkommen?" "24oo Gulden." Der Gast erstaunte und wünschte nähere Aufklärung. Mit 1ooo Gulden veranschlage ich die Aussicht von diesem Fenster hier, und weitere 1ooo Gulden ist mir der Blick dort hinaus pro Jahr wert, Der Rest kommt in bar ein."

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